Wunderliche Menschenskinder

Unterwegs im ÖPNV. Die Puppe des kleinen Mädchens gibt ein verzweifeltes Heulen von sich, wenn sie über einen bestimmten Winkel hinaus nach hinten geneigt wird. Jedesmal. Das kleine Mädchen plärrt dann ebenfalls herz- und ohrenzerreißend los. Jedesmal. Etwa alle dreißig Sekunden, seit ich einstieg. Die mutmaßliche Mutter guckt resigniert. Das Gesicht der mutmaßlichen Großmutter wirkt versteinert. Nur ihre Kieferknochen mahlen in einer unablässigen, stoischen Bewegung. Der Mensch, das von Beginn an wunderliche Wesen …

Gebrauchsanweisungen aktuell

„Hinweis: 1. Es kann ein bisschen riechen, wenn Sie diese Tasche zu bekommen. denn es ist neu und unbenutzt. Sie könnten das Paket zu öffnen und legen Sie sie an einem gut belüfteten Ort für ein paar Stunden, dann der Geruch wird verblassen

2. Echtes Leder erscheinen Mehltau Punkte aufgrund der Verdampfung von Wasser im Futter. Sie könnten nur wischen Sie mit einem feuchten Tuch.“

Jetzt verstehe ich auch den komischen Geruch im ÖPNV. Es sind die vielen noch neuen und unbenutzten Fahrgäste. Vielleicht sollte man sie kurz öffnen und an einem gut belüfteten Ort verblassen lassen. Dieser ominöse „Mehltau“ lässt sich ebenfalls deutlich auf ihren sichtbaren Oberflächen erkennen … hm, ich gehe wohl doch lieber zu Fuß durch den Regen.

Kindliche Brutalität heute und gestern

Das Wettrüsten ums Kinderzimmer. Lego wird immer brutaler, die Gewaltspirale dreht sich unaufhaltsam. In 30 Prozent aller Lego-Baukästen stecken heute schon Waffen, so eine aktuelle neuseeländische Studie. Ich finde das erschreckend. Als ich klein war, war das ganz anders – damals mussten wir uns die Waffen noch mit viel Fantasie selbst aus den Legosteinen bauen …

Tipps vom Türsteher

Wie man auf jeden Fall in den Club hineinkommt

Oft werde ich ja außerhalb des Kiezes danach gefragt, wie man sich denn am Wochenende wirklich vor einer Tür verhalten soll, wenn man nicht an der Security scheitern, sondern unbedingt in den Club hinein möchte. Nun, da dies offensichtlich noch immer nicht in den schulischen Lehrplänen verankert ist, möchte ihr hier einmal kurz umreißen, wie denn eine „Eintrittsstrategie“ aussehen könnte.

Sobald dein Partypulk in voller Stärke und ordentlich vorgeglüht vor dem Eingang versammelt ist, gilt es sogleich, den Türmann frei nach dem Motto „Gruppenumarmung“ von allen Seiten zu umzingeln, ihm möglichst vielhändig auf die Schultern zu klopfen (ruhig fest zupacken: der Mann ist gut im Training und folglich nicht aus Zucker), an ihm herum zu zerren, mit den Händen vor seinem Gesicht herum zu fuchteln und unbedingt unablässig auf ihn einzureden. Hierbei ist zu beachten, dass ihr sehr dicht an den Türsteher herantretet und so laut wie möglich sprecht, denn schließlich stehen wir hier vor einer Disko oder einer Tanzbar und der gehörgeschädigte Dj gibt in der Regel alles, um auch die angrenzenden Straßen mit dem nötigen Sound zu versorgen.

Erläutert dem Türmann eure Planung für den Abend, singt ihm ein lautes, lallendes Ständchen und lenkt währenddessen von euren Rucksäcken und Citybags ab. Schließlich transportiert ihr als echte Profi-Kiezgänger hierin eure voluminösen Tetrapaks und 1,5-Liter-Colaflaschen mit der speziellen Mische für den Abend. Sollte er aufgrund des Gewichtes und der kantigen Ausbuchtungen eurer Behältnisse stutzig werden, macht das gar nichts: Das Fremdgetränkeverbot gilt heute natürlich nicht. Vor allem nicht für euch.

Einer von Euch sollte jetzt dem Türmann mit feuchter Aussprache erläutern, dass er seinen Job früher auch für viele Jahre ausgeübt hätte (dies funktioniert vor allem dann prächtig, wenn derjenige ganz offensichtlich erst neulich seinen 20sten Geburtstag erlebt hat). Um die Behauptung mit professionellen Taten zu untermauern, stellt man sich vor den Türmann und führt stellvertretend Taschenkontrollen an irgendwelchen Gästen durch, fragt nach Stempeln, beginnt willkürlich zu selektieren und versucht, weibliche Gäste „auf Waffen und Drogen“ abzutasten. Dabei ist es ratsam, den mitgeführten riesigen Tetrapack umherzuschwenken. Macht Euch keine Sorgen, wenn ein wenig von dem Inhalt verschüttet wird: Das Party-Outfit darf ruhig nach exzessiver Feierei aussehen und der Türmann, nun ja, der ist das gewöhnt und außerdem abwaschbar.

Sollte er dennoch Protest einlegen und versuchen, Euren „Türsteher-Profi“ sanft zur Seite zu schieben, erläutert ihm, dass er locker bleiben soll und dass ihr zudem seinen Chef sehr gut kennen würdet.

Sollte Euch von der ganzen Herumhampelei im Eingang übrigens schlecht werden … nun ja, ich erwähnte bereits die Abwaschbarkeit der Türleute. Allerdings kommen echte Profis dem Vomitierungsbedürfnis erst im Club nach: hier gibt es den Tresen, das Dj-Pult; und auch der Fußboden der Toilette eignet sich ganz vorzüglich als Fläche für die Rückwärtsernährung. Apropos Toilette: Wer sich an den Pissoirs anstellt, outet sich unweigerlich als Amateur. Du hast das nicht nötig – die Dinger kann man problemlos auch zu zweit benutzen. Sollten schon einige sachkundige Gäste anwesend sein und die Lücken gefüllt haben, nun: da gibt es eine einfache Lösung – schon mal überlegt, weshalb in jedem Kneipen-Toilettenboden ein Abfluss installiert ist? Siehste, wieder was gelernt!

Aber das ist Zukunftsmusik – noch ist die Situation „Draußen vor der Tür“ nicht gänzlich ausgereizt. Das berühmte Türsteher-Interview fehlt noch: Hierzu muss man dem Securitybeauftragten originelle Fragen stellen. Etwa, ob er die ganze Nacht hier stünde, ob es nicht verdammt kalt sei, wie viel er in etwa verdiene, in welcher Klasse er die Grundschule abgebrochen habe, warum er gerade hier stünde, wo ihm doch dauernd die Tür ins Kreuz oder vors Gesicht donnere oder ob ihm nicht langsam langweilig würde. Denkt bitte dran: Immer schön feucht sprechen, dicht heranrücken und den Türmann regelmäßig anfassen – das hilft ihm, sich besser auf Euch zu konzentrieren. Ihr werdet sehen, so seid Ihr in jedem Club gern gesehene Gäste, die sofort Einlass finden. Eurem spaßigen Abend auf der Partymeile steht nichts mehr im Wege!

Ach, übrigens: erwähnte ich eigentlich, dass sämtliche oben genannten Tipps selbstverständlich nur für die Zeit des Schlagermoves (Hamburg), der Wies’n (München) oder des Karnevals (Köln) gültig sind? Zu allen anderen Gelegenheiten wäre ein solches Verhalten der beste Weg, um sich für den „Darwin Award“ zu bewerben …

Rock’n’Roll Overkill – Vol. 7

RROKRock’n’Roll Overkill
Lesung mit Türsteher, Tätowiererin, Rock Sänger und Kiez-DJ

Was bekommt man, wenn man einen DJ, eine Tätowiererin, einen Türsteher und den Sänger einer Rockband auf eine Bühne packt, um Geschichten vorzulesen? Viel viel Rock ’n‘ Roll, viele Geschichten aus der bösen Welt mit Sex, Drugs und Musik…?

Natürlich nicht. Zumindestens nicht nur.

Auch Kiezmenschen leben ein mehr oder weniger normales Leben, essen Müsli und trinken auch mal Kakao. Aber natürlich sind ihre Geschichten durchdrungen von einer Welt, die wir vielleicht nur von halb geflüsterten Erzählungen kennen…

Diese Lesung wird Vieles sein: Ein Blick hinter die Kulissen, ein Blick hinter die Fassaden, ein Blick in die Seelen Geschundener… neee, übertreiben wollen wir es auch nicht. Diese Lesung soll und wird vor allem eines sein: Unterhaltsam und trotzdem mit Tiefgang.

Viktor Hacker: Sprecher, Türsteher und Autor („Zeit für Zorn“ etc.)
Jan Turner: DJ, Autor („Paranoia City“ etc.)
Liz Vegas: Tätowiererin, Model, Autorin
Lesley Farfisa: Musiker, Autor (Der Fall Böse)

Buchpräsentation, Ausstellung, Bühnenshows

 

Flyer117aEinladung

Ein Freund von mir – Frank Müller – veröffentlicht gerade seinen neuen Bildband mit faszinierenden Bildern aus Myanmar. Er bereist das Land schon seit vielen Jahren und hat einen ganz speziellen Blick auf die Landschaft und die Menschen. Die er im Übrigen mittlerweile sehr gut kennt.
Rund um die Ausstellung und die Buchpräsentation herum hat er in akribischer Detailarbeit jede Menge interessante Aktionen organisiert. Unter anderem zwei Bühnenshows, während derer ich auch die Bühne entern darf. Zusammen mit Sabrina Schauer (am Freitag, 06.05. und am Samstag, 07.05., jeweils 20 Uhr) und Armin Sengbusch (am Samstag, 07.05., 20 Uhr).

Ort: Pop-up Raum, Grindelallee 117, Hamburg.

Kommt ‚rum, das wird deftig!