Hinüberregnen: Von Winterklamm zu Pinkelnebel

Heute ist Frühlingsbeginn. Sehr gut am Fröhlicheffekt des Regens zu erkennen, der zur Verdeutlichung dieses Phänomens glücklicherweise seit mehreren Tagen unterbrechungsfrei auf uns herabrieselt. Mit dem einsetzenden Frühlingsanfang ändert der Himmelsurin sowohl Farbe wie Temperatur – seine Anmutung wechselt von kaltem Wintergrau zu wärmerem Nebelgelb; die ganze Stimmungslage wirkt unvermittelt vergnügter, lebensbejahender. Auch scheinen die Tropfen, individuell betrachtet, weicher zu fallen. Man glaubt, weniger nass zu werden. Dies ist natürlich ein rein subjektiver Trugschluss. Aber ein tröstlicher. Irgendwie.

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg

Nachlese zum Wochenende. Es waren sehr entspannte Tür-Schichten. Leider fast zu entspannt, wie ich befürchte. So rein aus sportlicher sowie gastronomischer Sicht. Nieselregen, kalt, kaum Leute, die sich aus dem Haus trauen.

Aber immerhin ein wunderbar Verwirrter. Kommt mit einer fast vollen Bierflasche in der einen sowie einem halbleeren Longdrinkglas in der anderen – ich vermute Gin and Tonic – nach vorn an die Club-Tür. Scheint uns verlassen zu wollen. Klassische, freundliche Aufforderung: Er möge seine Getränke bitte entweder abstellen oder aber umfüllen. Er deponiert beides auf dem Podest neben dem Eingang, schickt sich an, zu gehen. Überlegt es sich dann nach dem Hinweis, er könne es sich ja auch gern in Becher umfüllen, anders und gießt sein Bier umsichtig in den Longdrink. Guckt uns, den Drink und die Welt im Allgemeinen mit tiefem Stirnrunzeln an, stellt den „Spezialcocktail“ auf die Ablage, tritt hinaus. Erneuter Sinneswandel gefolgt von Rückkehr. Er ergreift das Erfrischungsgetränk, setzt es entschlossen an und leert es mit tapferem Zug. Anschließend schüttelt er sich und verabschiedet sich mit den Worten: „Jungs, das war ein echt guter Abend bei euch, aber das hier, nä, das schmeckt doch echt scheiße, sach ma!“

Ich sage mal: Es bleibt schwierig. Aber: zum Glück muss niemand dabei verdursten.

Schönen Sonntag!

Auf der Reise von Uelzen nach Hamburg

​Schöner Sprechen im Regional-Express 

Wo Leute über andere verfügen und diese angemessen in der dritten Person antworten: „Guck mal, wenn er sich woanders hinsetzt – da hinten zum Beispiel, auf den zugigen Einzelplatz in der letzten Ecke -, dann können wir hier zu viert zusammensitzen“, die fluffig mit wallendem Medusenhaar und Schal-Gebirge ausgestattete Frau wedelt unbestimmt mit der Hand in meine Richtung.

Ich versuche es mit Höflichkeit: „Tut mir Leid, „er“ wird sich keinesfalls woanders hinsetzen. Aber „sie“ und „ihr“ Gefolge mögen sich doch just einen Wagen weiter nach vorn verfügen. Dort harret eine gröhlende, armeschwenkende und biertrinkende Fußball-Fanschar sehnsüchtig „ihrer“ Gesellschaft. Gehabet „euch“ wohl, illustres Volk.“

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

 
Heute: Kunstwerk Freiberuflerrechnung
 
Die unbeglichenen Rechnungen von Freiberuflern sind seit jeher aus dem Alltag moderner Unternehmen und großer Agenturen nicht wegzudenken.
Dienten sie früher jedoch dank vielfacher Faltbarkeit vor allem der Stabilisierung von Regalen, Frühstückstischen und Fußmatten, finden sie heute vermehrt ganz neue Verwendungen in der künstlerischen Dekoration.
In hochwertigen Rahmen an den Wänden ebenso sündhaft teuer wie gediegen elegant eingerichteter Konferenzräume als moderne Kunst in Szene gesetzt, dokumentieren sie in ihrer stoischen Unbezahltheit die Vergeblichkeit der Dinge.
Als Zeugen langer Zeiträume des Verweilens erheben sie mahnend den Zeigefinger der Äonen und sagen dem Menschen: Du und dein Streben, ihr seid nichts im Vergleich zur erhabenen Drift der Kontinente.
Und doch sind sie auch Dokumente einer konstanten Haltung des Schweigens, der Kultur der verlässlichen Ignoranz, die sich auch durch den sich erhebenden Bocksgesang der Nachfragen, Erinnerungen und Mahnungen nicht zu unziemlicher Hast oder gar Bezahlung der geleisteten Arbeit verleiten lässt.
Die Präsenz der als Kunstwerk verstandenen und nicht dem schnöden Mammon verhafteten Freiberufler-Rechnung wird in ihrer Unerlösung überdauern – auch wenn der erschaffende Künstler, der Freiberufler, lang verhungert, verwelkt, verweht und vergessen ist.
Nicht alles Menschenwerk ist schnell und vergänglich.

Misophonie aktuell

Sah mich gerade gezwungen, ein Telefonat mit einem Auftraggeber aufgrund „technischer Störungen“ zu beenden. Zwei Mal. Er konnte es partout nicht unterlassen, geräuschvoll in den Telefonhörer hineinzufrühstücken. Krabbensalat mit viel Mayonnaise, die im Mundwinkel klebt, und knusprige Kartoffelchips, glaube ich. Sowie fädenziehenden, nicht mehr ganz so guten Tomatensaft, wie ich den Lauten nach vermute. Vielleicht hat er ja ein Einsehen und wendet sich an einen anderen Sprecher. Möglichst vor oder nach dem Mittagessen …

Umfüll-Tremor und ein Verdacht

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg. Ein eifriger Gast verlässt den Laden: „Guck, ich habe mein Bier umgefüllt!“
„Cool. Und nu‘?“
„Ja nee, wegen Glasflaschenverbot und so, nä!“
„Vorbildlich. Vor allem anbetracht Deines Zustands.“
„Ja, nä. Aber, welchen Zustand meinst du denn?
„Bestimmt nicht einfach, den Alltag immer so im Griff zu haben, wenn man zeitgleich mit einem akuten Alkoholproblem ringt.“
„Äh, bitte? Ich hab doch bloß n Bier in ’n Becher umgefüllt, ich …“
„Und das trotz des ausgeprägten Tremors! Bewundernswert. Ehrlich.“
„Was’n Tremor?“
„Händezittern. Tritt ja häufig bei schweren Säufern auf. Aber mal was anderes: wie geht denn deine Freundin damit um?“
„Womit?“
„Na, mit ihrer Co-Abhängigkeit. Die nahen Angehörigen sitzen bei einem hoffnungslos Alkoholkranken ja mit im sinkenden Boot. Schon ne harte Sache …“
„Ich hab‘ doch bloß ’n Bier umgefüllt!“
„Und genau das ist der landläufige Irrtum: die erfolgreiche Meisterung der kleinen Verrichtungen des Alltags ist mitnichten das erste, was schwindet, sondern häufig die letzte Kompetenz, die dem Hardcore-Trinker als kurzer Lichtblick vor der langen Nacht verbleibt … Vielleicht sollte ich schonmal eine Kerze für dich anzünden.“
„Das ist ja furchtbar! Du spinnst doch. Ich geh‘ jetzt nach Hause!“
„Bist du sicher, dass du noch eines hast? Ich meine ja nur. Man muss sich manchen Tatsachen einfach mal stellen. Im eisigen Wind der Realität quasi die Brust rausstrecken! Aber, du machst das schon – will nix gesagt haben … Allerdings, dieses beginnende Gelb in deinen Augen, das verheißt nichts Gutes bezüglich der Leberwerte. Hast du den Begriff „Zirrhose“ eventuell schon einmal gehört …“
„Ihr seid ja vollkommen durchgeknallt! Hier komme ich nie wieder her!“
„Bis nächstes Wochenende.“
„Ja, nee.“
„Ja, doch! Ich kenne doch meine Hamburger Berg-Besucher – es ist unvermeidlich.“

Safe Night

Mopo-Artikel
Leider bekommen wir Türleute es oft nur indirekt mit, wenn „Frottee-Männer“ im Party-Gedränge unterwegs sind: Auffällig viele weibliche Gäste verlassen wortkarg den Club. Erst auf hartnäckiges Nachfragen bekommt man dann den Ärger über die aufdringlichen männlichen Anwesenden mit – bedauerlicherweise zu spät, um einzugreifen. Die willkommenen Gäste gehen, die Arschgeigen bleiben und suchen sich die nächsten Opfer. Bis man den oder die Übeltäter endlich identifiziert hat, hat sich der Club schon fast in eine heterogene Herrensauna verwandelt. Ein frühzeitiges Wort vom weiblichen Gast ans Tresen- oder Türpersonal kann das verhindern. Dazu gehört bei uns dann aber auch, dass wir vorgetragene Beschwerden glaubhaft ernst nehmen. Was allerdings oft im hektischen Geschehen untergeht. Da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen.

Trump nun Präsident

Wenn Trump in seinen Reden immer wieder die Phrase „America first“ äußert, spricht er, da bin ich ganz sicher, stets im Sinne von Ludwig XIV, der einst gesagt haben soll, „der Staat, das bin ich“. Passt ja auch gut zur Gesellschaftschicht, der er entstammt, die ihn aber im Gegensatz zu der Schicht, von der er nimmt, eigentlich nicht gewählt hat.

Wie ich heute gelernt aber auch gelernt habe, ist das Wort „Gott“ bei den ‚Muricanern ein Satzzeichen. Ein omnipräsentes. Es ersetzt den Punkt, das Komma, das Semikolon (bei Traditionalisten) und – vor allem – den Gedankenstrich.

Zur Amtszeit muss ich allerdings vermuten: Es werden keine vier Jahre. So oder so. Da bin ich sicher.

Nazipartei darf weitermachen

Bundesverfassungsgericht entscheidet über Verbotsantrag

17. Januar 2017. Zum einen finde ich es natürlich ganz wunderschön, dass Karlsruhe den Kackvögeln von der NPD deswegen nicht ihre Parteiarbeit verbietet, weil sie mit ihren bundesweit knapp 6000 Mitgliedern gesellschaftlich gesehen einfach zu unbedeutende kleine Scheißerchen sind. Und ihre demokratisch gewählte Legitimation sich kaum messbar im Promillebereich (sic!) bewege.

Schon witzig.

Das muss schmerzen, wo sie sich doch immer so laut und wichtig aufblasen, die Herren kackebraunen Nazihosen.

Zum anderen haben die bekanntlich zu nationalfeuchtem Einnässen Neigenden aber leider punktuell sogar sehr großen Einfluss. Immerhin zündeln sie in vielen ländlichen und östlichen Gegenden fröhlich und ungestört vor sich hin.

Und was ist, wenn sie nächstes Jahr mit der Schwesterpartei A(dol)fD koalieren und in den Bundestag einziehen dürfen?

Ich hätte es tatsächlich lieber gesehen, wenn man diesen bösartigen Verein der Unbelehrbaren endgültig dicht gemacht hätte. Dann könnten sie noch eine Weile herumgreinen und sich als „Märtyrer“ gerieren. Bei Bier und Schnaps im Dorfkrug oder in der schäbigen Gardinenkneipe an der Ecke drollige Verschwörungstheorien ausbrüten und sich gegenseitig von vergangenen großdeutschen Verbrechertagen vorschwärmen.