Slamtext zum Thema „SEX“

Sexspielchen – oder: Wie Kabanossi einmal wegen eines wirklich wertvollen Rats davonlief

Morgens um sieben im weitestgehend unbevölkerten Fitnessland. Zwei „early birds“ so um die Dreißig quietschen im mittleren Tempo auf zwei „Steppern“ so vor sich hin. Es sind die Herren Daniel-Legolas Trockenbrodt, der vor allem seinen zweiten Vornamen hasst und darauf besteht, ausschließlich „Danny“ genannt zu werden. Und sein bester Kumpel Jannis Pastapodopeles – kurz: Kabanossi, der nie um einen gutgemeinten Rat verlegen ist. Die Freunde treffen sich hier oft zum gemeinsamen Workout und um über alles Mögliche zu reden.

„Das kannste ja bis ins hohe Alter machen, nä.“
„Was?“
„Na, Cardiotraining.“
„Achso.“
„Aber echt mal. Vom Stepper auf den Treppenlift – ein vollautomatisches Leben im Zeichen der Fitness, hähä …“
„Hm.“
„Danny, was ist denn los, sag‘ mal? Diese Einsilbigkeit sieht dir gar nicht ähnlich.“
„Tja.“
„Ist irgendwas los? Stress im Job? Pech in der Liebe?“
„Ach, Stress ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Eher so nervöse Erwartung. Ich habe dich doch neulich um Rat gefragt wegen dieser Rothaarigen …“
„Rothaarig? Ich dachte, die sei blond?“
„Ja nee, das war die andere.“
„Ach, schon wieder ne Neue! Was ist denn aus der Blonden geworden?“
„Mannomann, erinnere mich bloß nicht. Da hast du mir ja einen richtigen Bärendienst erwiesen, Kabanossi!“
„Wieso? Was war denn an dem Rat, „Höflichkeit öffnet Türen“, verkehrt?“
„Genaugenommen hast du gesagt, „Wer vögeln will, muss freundlich sein!“.“
„Ja, und? Daran ist doch nichts Falsches!“
„Das sagst du! Ich war nicht nur freundlich, ich war richtig höflich. Ohne Ende. Du weißt ja, sie ist meine Arbeitskollegin. Und ich habe richtig Gas gegeben: Ihr abends im Büro in die Jacke geholfen, ihr die Türen geöffnet, auf der Treppe voraus gegangen, die Tiefgaragentür aufgemacht, sie zum Auto begleitet …“
„Oh, oh – ich ahne schon, worauf das hinausläuft …“
„Ja, warte – morgens dann das ganze Prozedere in der umgekehrten Reihenfolge. Ein Gesamtpaket höflicher Freundlichkeit, nä.“
„Ich weiß ja nich …“
„Eben. Jetzt habe ich ne Anzeige wegen Stalkings am Hals und muss einen Abstand von 50 Metern einhalten. Außer am Kopierer – da darf ich mich ihr bis auf fünf Meter nähern. In der Chefetage wird schon über meine Versetzung nachgedacht. In unsere Zweigstelle nach Pinneberg …“
„Oh, scheiße!“
„Das sagst du was.“
„Und wer ist jetzt diese Rothaarige?“
„Oh, da habe ich einen anderen Tipp von dir gestern ausprobiert.“
„Äh, ok … welchen?“
„Na, den, dass man immer man selbst bleiben muss, nicht lügen darf und seine Fantasien aussprechen soll.“
„Also, das mit den Fantasien ist jetzt streng genommen nicht von mir.“
„Ja, ich weiß, du sagtest, „man müsse immer man selbst sein und soll nicht lügen. Wenn man aber seine Fantasien nicht ausspricht, dann verschweigt man doch was. Das ist dasselbe wie lügen!“
„Ja, äh, ja nee …“
„Ja doch! Und deswegen habe ich die Rothaarige gestern bei unserem zweiten Date gefragt, was sie denn davon hielte, wenn wir uns gegenseitig unsere Fantasien aussprechen und auch umsetzen würden. Sie fand die Idee zunächst gar nicht so schlecht, meinte, ihre Fantasie hätte etwas mit einem rosa Wasserbett zu tun, bedürfe aber einer gewissen Vorbereitung wegen der Schwimmkerzen und der Frischhaltefolie … na, da habe ich dann später, als wir mittendrin waren, ihr erstmal meinen Wunsch präsentiert.“
„Öhm, ich bin mir jetzt nicht so ganz sicher ob ich den wirklich hören möchte …“
„Quatsch, das ist ganz harmlos! Ich habe ihr gesagt, dass ich schon immer davon geträumt hätte, wilden Sex mit Scarlett Johansson zu haben. Und zauberte dann auch gleich – tataaa – eine passende Gummimaske hervor. Aber aus irgendeinem Grund war sie dann irritiert …“
„Das is ja komisch … oh, Mann …“
„Sie setzte sie aber dann mit den Worten auf, ihr sei ja eigentlich kaum eine Perversion fremd, aber das hier wäre so lächerlich, dass könne man eigentlich schon als Sub-Dom-Spiel im Manga-Bereich verbuchen.“
„Manga? Hä …“
„Ja, du weißt schon: Frauen, die sich als Schulmädchen verkleiden und Sex mit Männern haben, die sich als Dämonen maskieren. Das ist lustig.“
„Lustig … hm, hm … und mit so Tentakeln und so, nä?“
„Ja nee, Tentakel, das ist Hentai. Das ist für Perverse.“
„Ach echt …“
„Ja, aber lustig pervers. Da gibt’s zum Beispiel so Frauen, denen plötzlich Schwänze wachsen …“
„Futanari.“
„Nee, mit Sushi hat das nix zu tun.“
„Wieso Sushi? Wir sprachen doch eben von Frauen, denen Schwänze wachsen … Futanari heißt Hermaphroditismus und …“
„War ja klar, dass du jetzt wieder mit irgendeinem deiner griechischen Götter kommst …“
„Ja, nee, Hermaphroditen haben doch nichts mit …“
„Ist schon klar, der kleine, nervige Bruder von Aphrodite. Lassen wir das jetzt bitte mal. So. Um zur Maskennummer zurückzukommen – das war echt lustig. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – guck, Miss Johansson hat doch diese lange, prägnante Nase, so einen richtigen Gesichtserker, nä. Die war bei der Maske ziemlich, ähm, hervorstechend und wegen des zerknüllten Transports – ich musste sie ja irgendwie in meinen Klamotten verstecken – leicht zerdrückt. Die Nase hatte einen Knick und wackelte beim Vögeln. Ich musste ganz furchtbar lachen. Konnte nicht mehr aufhören …“
„Oh Gott …“
„Ja nee, das war gar nicht so schlimm, weil Iwana – so heißt sie – das ziemlich witzig fand und auf eine Idee kam: bei unserem nächsten Treffen soll ich mich verkleiden.“
„Ich möchte das nicht hören …“
„Als Pinocchio und sie will sich dann draufsetzen …“
„Du, ich muss jetzt los, Training ist fertig, ich, äh, ich muss jetzt ganz schnell duschen und so!“
„Wegen der Nase …“
„Kannst du nicht einfach mal die Schnauze halten? Alter! Diese Bilder kriege ich nie wieder aus dem Kopf …“
„Ach, von der Frischhaltefolie und dem rosa Wasserbett muss ich dir auch noch berichten, das ist nämlich so …“
„Nee, nee, nee! Ich muss weg und unbedingt lernen, die Fresse zu halten. Keine Tipps mehr! Danke, Alter, echt: Danke! Oh Gott, ein Manga-Pinocchio in Frischhaltefolie der im rosa Wasserbett schaukelt … Können die Leute nicht einfach nur vögeln?“

Autor: Viktor Hacker

Sprecher, Autor, Humorist. Türsteher. Ehemaliger Soldat. PR-Redakteur. Hörzu-Filmredakteur. Auto Bild-Bewegtbild- und Reportagen-Sprecher. Off-Stimme für Imagefilme. Synchronsprecher. Hamburger Abendblatt-Kolumnist. Bühnenkünstler. Spoken Word-Performances. Kabarett. Lesungen.

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