Die Abenteuer des Alltags

Heute: Nachhaltige Nachbarn

Das ältere Ehepaar aus dem Stockwerk über mir lebt sehr energiebewusst. Erst neulich berichteten sie mir im Treppenhaus ganz stolz von ihrem neuen Fernsehgerät, dass sowohl über eine ordentliche Bilddiagonale – der Nachrichtenmann stünde quasi im Maßstab 1:1 bei ihnen in der Wohnstube -, als auch eine sogenannte „Soundbar“ verfüge.

Diese Leiste aus mehreren Brüllwürfeln unterhalb des Moderators in Lebensgröße diene zur eindrucksvoll verstärkten Abstrahlung verschiedener akustischer Frequenzen in den Zuschauerraum. Nun könnten sie dank dieses raffinierten Apparates jeden Abend ganz wunderbar Strom sparen, indem sie die Akkus ihrer Hörgeräte herausnähmen und für die Nutzung während des Tages schonten.

Die enthusiastischen Erläuterungen vor der Reihe von Briefkästen mit Anti-Werbungs-Aufklebern dauerten noch an, doch ich bereitete mich schon einmal seelisch auf einen weiteren Passiv-Fernsehabend mit dem großen Fest der Volksmusik vor.

Die Sause würde lang werden, denn beide neigten – wie sie jederzeit freimütig von sich aus zugaben – dazu, für gewöhnlich vor dem TV-Gerät einzuschlummern …

„Zeit für Zorn? – Die Türsteherlesung“ im Museum

Samstag, 22. April 2017

Heute Abend: „Zeit für Zorn? – Die Türsteherlesung“ im Museum für Hamburgische Geschichte. Um 20 Uhr, 21.30 Uhr und 23 Uhr.

Wir freuen uns sehr, bei der heutigen „Langen Nacht der Museen“ dabei sein zu dürfen! Auch wenn Kollege Viktor noch immer seine Bedenken äußert, dass man uns womöglich gleich da behält und als langgediente Türleute des Hamburger Kiezes in einer Vitrine ausstellt. Die Kollegen Henning und Intensiv-Dieter werden seine Bedenken aber sicher bis zum ersten der drei Auftritte des Abends zerstreuen können. Zudem: Im Fall der Fälle würden sich unsere drei Herren von der Sicherheitsfrage bestimmt sehr gut machen als hanseatische Exponate im stadtgeschichtlichen Ausstellungsrundgang.

Kommt vorbei und lauscht den teils bizarren, oft skurrilen, aber immer auch schwarzhumorig erheiternden Stories unserer Türsteher des Vertrauens.

Es gibt drei Shows von je rund 30 Minuten Länge. Um 20 Uhr, 21.30 Uhr und 23 Uhr.

Alltagskalamitäten im Künstlerleben

Die heilige Ignoranz der Technikverweigerer

„Seit ich mein Internet abgeschafft habe, keinen Fernseher mehr besitze und auf das Lesen von Zeitungen verzichte, bekomme ich überhaupt nicht mehr mit, wann du wieder auf der Bühne stehst!“, formuliert die empörte junge Dame am Festnetztelefon ihre Kritik mit schneidender Stimme.

Ein Vorwurf, der mich immer irgendwie verwirrt zurücklässt. Zumal ich jedesmal total verblüfft auf diesen völlig vergessenen, aus dem Pleistozän der Technik stammenden Apparat neben meinem Scanner schaue, wenn er entgegen jeglicher Lebenszeitprognose noch funktionierend losbimmelt.

„Soll ich dir vor jeder Show, die ich irgendwo gebe oder bei der ich beteiligt bin, einen berittenen Boten vorbeischicken, oder wie?“, spreche ich vorsichtig in das ungewohnte Gerät. „Rauchzeichen nützen ja nichts, die kannst du ja nicht sehen, seit du noch weiter hinter den Horizont aufs Land gezogen bist.“

„Boah, ey, dass du immer gleich so sarkastisch werden musst …“

Dann beschwert sie sich noch wortreich über ihren doofen Freundeskreis, der sie partout immer weniger besucht, je weiter sie hinaus aufs Land zieht …

Tja, ich weiß es doch auch nicht.

„Kein Durchgang“ gilt nicht!

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg. Der weibliche Gast betritt den Vorraum, nimmt sich Zeit zur Orientierung. Geradeaus ein dunkler Gang in die ebene Tiefe des Clubs, rechter Hand eine Treppe in den ersten Stock. Linker Hand eine Tür in der Wand. Kurzentschlossen öffnet sie diese und blickt stirnrunzelnd auf eine Wand, an der ein paar Regalbretter befestigt sind. Darauf allerlei Geraffel. „Junge Dame, machst du diese Tür bitte wieder zu?“

Zögernd schließt sich das Türblatt, ihre Hand verharrt widerstrebend auf dem Griff.

„Ja nee, ich möchte in den Club!“

„Einfach den Gang runter. Hinter der Tür dort ist lediglich unser Türsteher-Kabuff.“

Sie starrt mich einen Moment lang an, zieht die Augenbrauen zusammen, öffnet die Kabufftür erneut.

„Ja nee, ich möchte doch in den Club nebenan!“

Ihr strenger Blick gleitet über die Ablagen. Die Plastikflaschen mit Reinigungsmitteln, Putzpapierrollen, Stangen mit Plastikbechern äugen freundlich zurück.

„Da würde ich doch glatt empfehlen, nochmal hinauszugehen, sich forsch nach rechts zu wenden und mutig die drei, vier Schritte bis zum nächsten Clubeingang zu machen.“

„Geht das nicht hier durch?“

„Nunja … mit ein bisschen Anlauf ließe sich die Mauer womöglich durchbrechen …“

„Boah ey, dass ihr Türsteher immer so doofe Antworten geben müsst! Echt ma, was stimmt denn nicht mit euch?“

„Keine Ahnung, vielleicht sind wir einfach immer ein bisschen verwirrt.“

„Aber echt. Tschüss. Schönen Abend noch!“

Wütend rauscht sie hinaus, wendet sich grummelnd nach links und stapft entschlossen davon in die Partynacht.

Ich blicke ihr noch kurz hinterher, wünsche ihr einen schönen Abend und denke mir: Es bleibt schwierig … Vor allem, wenn man Gast ist und von Natur aus immer recht hat.

Siekstewohl … Türmann mit Bildungsauftrag

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg. 22.05 Uhr. Clubtür soeben für den Partyabend geöffnet. Eine Gruppe bayerischer (sie sprechen alle mit diesem furchtbaren „ick“-Fehler – wie in „Honick“, „fruchtick“, „zwanzick“) Austauschstudenten versammelt sich vor dem Eingang. „Servus. Soag amoi, seit wann ist es denn so leer auf dem Kiez?“

„Seit heute Morgen um acht.“

„Echt?“

„Ja. Und nachher früh um acht wird es voraussichtlich auch wieder so sein.“

„Echt?“

„Jo. Aber nur außerhalb der Gäste.“

„Sakra!“

Siekst, wieder Kiezgäste, die jetzt mehr wissen als zuvor. So muss Türstehen. 🙂