Erziehungshelfer

Liebes Nachbarskind,

ich weiß, es ist frustrierend, dass meine maximalbepelzte, vierbeinige Mitbewohnerin Karlotta völlig unbeeindruckt von deinen Lockversuchen statuenhaft auf dem Hochparterre-Balkonsims verharrt. Sie ignoriert kleine kreischige Gören nun einmal. Ist eine Marotte von ihr. Und vielleicht etwas unhöflich.
Daher kann ich auch gut verstehen, dass du sie flunschgesichtig mit dem dürren Strahl deiner kleinen Wasserpistole aufs Korn nehmen musstest.
Was mir allerdings leid tut, und dafür möchte ich mich in aller Form bei deiner zartbesaiteten Kindersoziopathenseele entschuldigen, ist der bedauernswerte Umstand, dass der Eimer Wasser, den ich dir kurz darauf vom Balkon aus über den Kopf goss, nur halb gefüllt war. In der Eile ging leider nicht mehr. Aber versprochen: beim nächsten Mal gibt’s die volle Ladung. Aus der großen Waschschüssel. Mit Gummi-Entchen oben drauf.

Hilfsbereite Nachbarschaft

Die füllige Frau mit den schlechten Tattoos und den herauswachsenden, blondierten Strähnen im aufgeplüsterten Haar zerrt schweißüberströmt am Griff der Sackkarre. Am unteren Ende der manuellen Schwerlasthilfe müht sich zeitgleich ihr bierbäuchiger Mann mit der fahlen Kettenraucherhaut schiebend und japsend ab.
Der Transport der Waschmaschine scheint bereits an der Treppe zum ersten Stock zu scheitern. Bis in den zweiten müssen sie es aber schaffen. Die etwa dreizehnjährige Tochter – ich glaube, dass sie Cheyenne-Hanuta oder so ähnlich heißt; jedenfalls klingt das so, was ihre Mutter wiederholt in ihre Richtung ruft -, steht augenrollend daneben und bemängelt erbost den Umstand, dass sie partout keinen Empfang mit ihrem Smartphone hätte.
Ich – just vom Sport heimkommend – lasse meine Tasche fallen und eile hinzu. Gemeinsam wuchten wir das blecherne Ungetüm von Stufe zu Stufe, gelangen nun recht zügig in die zweite Etage.
„Danke, für die Hilfe.“
Die neuen Nachbarn, die Familie ist vor zwei Wochen eingezogen, sind ebenso erleichtert wie angetan.
„Kein Ding. Mache ich doch gern.“
„Ja, da merkt man gleich, dass man in ein ordentliches deutsches Haus gezogen ist.“
„Hä? Verstehe ich jetzt nicht …“
„Naja, wären hier nur so K*n*ken, wie in unserem alten Haus in Billstedt, würde das ja kein’n interessieren. Die machen nie ’nen Finger krumm für deutsche Leute.“
„Achso. Ja, ich als Zigeuner helfe immer gern. Da kann man auch gleich mal einen Blick in die Wohnung der neuen Nachbarn werfen.“
„Was?!“
„Na, was da so drin ist. An Werten. Echt praktisch. Und ganz unauffällg.“
„Aber …“
„Verdammt großen Fernseher haben Sie da. Nicht schlecht.“
„Äh …“
„So, jetzt muss ich aber. Schönen Tag noch.“
„Ja … äh … ebenfalls …“

Es bleibt schwierig …

Tähä.

Eine neue Lebensaufgabe …

DHL – Der Kampf geht weiter

*Ding-Dong*

Zwei Herren stehen vor meiner Wohnungstür. Beide grinsen irgendwie verlegen in ihren DHL-Kurzbeinhosen und nicken eifrig. Ich sage „Guten Tag“, man murmelt etwas Unverständliches. Der eine streckt mir anschließend ein Paket entgegen – auf dem Adressaufkleber steht etwas von „F. Buttgereit“ und „Hausnummer 21“. Ich schüttle freundlich den Kopf: „Tut mir Leid, ich heiße nicht F. Buttgereit, sondern Hacker. Guck, hier zum Beweis das Namensschild an der Tür.“
Die Beiden schauen sich an und es erfolgt ein kurzer Disput in einer mir völlig unbekannten Sprache, die aber irgendwie drollig sympathisch klingt. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf mich und man hält mir erneut das Paket unter die Nase.
„Nein, nein – das ist nicht für mich. Das ist für jemanden namens „F. Buttgereit“ bestimmt. Es steht zudem die Hausnummer 21 drauf; das hier ist das Haus mit der Nummer 23.“
Wieder Diskussion. Dann wendet sich der hintere der beiden DHL-Männer mit traurigem Blick an mich: „Kein 21?“
„Nein, 23.“
„Kein Haus 21 da.“
„Doch, nebenan.“
„Kein nebenan.“
„Doch, doch – hier aus der Haustür hinaus und dann rechts. Gleich der nächste Eingang.“
„Kein Hauseingang.“
„Doch! Gleich nebenan.“
„Da kein Haus!“
„Leute, bitte, als ich gestern nachgesehen habe, war da ganz sicher ein Haus. Sogar mit Eingang. Und oben drüber die Hausnummer 21. Das wird nicht über Nacht verschwunden sein.“
„Kein Haus!“, bekräftigt der Vordere und drückt mir das Paket nachdrücklich in die Hand.
Der andere nickt eifrig: „Hier Paket, gib 21.“
Man macht auf dem Absatz kehrt, strebt den Hausflur hinunter zur Eingangstür.
„Hey, muss ich nicht irgendwas unterschreiben, sach ma?“
„Kein 21, kein Unterschrift, alles gut!“
„Nun, denn man tau …“, verfalle ich kurz ins drollige Plattdeutsche.
Dann läuft es mir kalt den Rücken hinunter: Bin ich etwa gerade gegen meinen Willen zum DHL-Hilfsdeputy ernannt worden? Upps …

DHL – Der Kampf geht weiter

Von Äxten und Einbrechern

Und dann sitzt da der Herr Kommissar von der Polizei in deiner Küche und beäugt misstrauisch die riesige, rote New Yorker Feuerwehrmannsaxt, die neben ihm an der Wand lehnt, während er sich Notizen wegen des Einbruchs in deinen Keller macht … „Ich sehe, Sie sind Sammler.“
„Ja, allerdings mehr auf dem Gebiet „Machete“. Äxte besitze ich nur wenige.“
„Nun, besser ist das. Man könnte ja unvermittelt in ein Dschungeldickicht geraten, nicht wahr.“
Humor hat er, wie ich zugeben muss. Dann überreicht er mir mein Aktenzeichen für die Versicherung. „Und Bogenschütze sind Sie auch?“
„Jup. Wegen der eventuellen bösen Viecher im Dickicht mit langen Fängen und Krallen.“
„Besser ist das. Was machen Sie eigentlich beruflich, wenn ich das fragen darf?“
„Ich bin Sprecher.“
„Und was sprechen Sie so?“
„Bevor Sie klingelten war ich mit Telefonansagen für die Verkehrsflächenreinigung Nordbayern beschäftigt.“
„Ach guck, jetzt verstehe ich das mit dieser Axt hier.“
„So ist das.“