Die Abenteuer des Alltags

Heute: Nachhaltige Nachbarn

Das ältere Ehepaar aus dem Stockwerk über mir lebt sehr energiebewusst. Erst neulich berichteten sie mir im Treppenhaus ganz stolz von ihrem neuen Fernsehgerät, dass sowohl über eine ordentliche Bilddiagonale – der Nachrichtenmann stünde quasi im Maßstab 1:1 bei ihnen in der Wohnstube -, als auch eine sogenannte „Soundbar“ verfüge.

Diese Leiste aus mehreren Brüllwürfeln unterhalb des Moderators in Lebensgröße diene zur eindrucksvoll verstärkten Abstrahlung verschiedener akustischer Frequenzen in den Zuschauerraum. Nun könnten sie dank dieses raffinierten Apparates jeden Abend ganz wunderbar Strom sparen, indem sie die Akkus ihrer Hörgeräte herausnähmen und für die Nutzung während des Tages schonten.

Die enthusiastischen Erläuterungen vor der Reihe von Briefkästen mit Anti-Werbungs-Aufklebern dauerten noch an, doch ich bereitete mich schon einmal seelisch auf einen weiteren Passiv-Fernsehabend mit dem großen Fest der Volksmusik vor.

Die Sause würde lang werden, denn beide neigten – wie sie jederzeit freimütig von sich aus zugaben – dazu, für gewöhnlich vor dem TV-Gerät einzuschlummern …

Alltagskalamitäten im Künstlerleben

Die heilige Ignoranz der Technikverweigerer

„Seit ich mein Internet abgeschafft habe, keinen Fernseher mehr besitze und auf das Lesen von Zeitungen verzichte, bekomme ich überhaupt nicht mehr mit, wann du wieder auf der Bühne stehst!“, formuliert die empörte junge Dame am Festnetztelefon ihre Kritik mit schneidender Stimme.

Ein Vorwurf, der mich immer irgendwie verwirrt zurücklässt. Zumal ich jedesmal total verblüfft auf diesen völlig vergessenen, aus dem Pleistozän der Technik stammenden Apparat neben meinem Scanner schaue, wenn er entgegen jeglicher Lebenszeitprognose noch funktionierend losbimmelt.

„Soll ich dir vor jeder Show, die ich irgendwo gebe oder bei der ich beteiligt bin, einen berittenen Boten vorbeischicken, oder wie?“, spreche ich vorsichtig in das ungewohnte Gerät. „Rauchzeichen nützen ja nichts, die kannst du ja nicht sehen, seit du noch weiter hinter den Horizont aufs Land gezogen bist.“

„Boah, ey, dass du immer gleich so sarkastisch werden musst …“

Dann beschwert sie sich noch wortreich über ihren doofen Freundeskreis, der sie partout immer weniger besucht, je weiter sie hinaus aufs Land zieht …

Tja, ich weiß es doch auch nicht.

Witterung aktuell


Frankfurt am Main.
Hinweis des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) in Sachen „Eisregen-Glätte“. Nach einem jüngst erfolgten, überregionalen Beschluss mehrerer sportmeteorologischer Gremien sind nun auch für den Winter 2017 die geltenden Regeln des internationalen Ringerverbandes maßgeblich.
Das heißt in der Praxis, wer etwa heute bei akuter Eisregenglätte ausrutscht, entgleitet, bar jeglicher Würde zu Boden pirouettiert oder sich sonstwie mit oder ohne mitgeführte Einkaufstüten in den eisigen Untergrund mault, hat den Kampf mit den Unbilden der kalten Jahreszeit erst dann verloren, wenn beide Schultern gleichzeitig den Boden berühren.
Eine Limitierung der Rundenzahl oder der Austragungszeit je Partie gibt es nicht. Ebenfalls wird auf eine Gewichtsklasseneinteilung sowie jedwelche Begrenzung des Spielfelds verzichtet.

Angst, Rassismus und polizeiliche Bezeichnungen

Das bloße Streichen eines Wortes lässt nicht den dazugehörigen Gedanken aus den Köpfen verschwinden. Das Wort ist das Ende, nicht der Anfang. Und diesen Anfang kann man nicht streichen, sondern nur überwinden.

Dazwischengeschoben und abgelegt

 

Wissensmehrung dank Krafttraining. Neulich bei McFilth. Beim sogenannten „Leg day“ malträtiere ich nicht nur meine Beine. Im Anschluss sind auch die Schultern dran. „Leg and shoulders“ sozusagen. Wobei ich hier jetzt aber keine Seifen-Werbung machen möchte.
Das Schulter-work out beginne ich gern mit „einarmigem Frontheben mit supiniertem Griff an der Kabelzugmaschine“ für den Deltoid anterior. Den vorderen Schultermuskel. Bei dieser Übung führt man den nur leicht gebeugten Arm mit nach oben gerichteter Handfläche in einer kinnhakenähnlichen Bewegung vor sich in die Höhe. Ich mache das gern mit kontrolliertem Schwung.
Das weiß jetzt auch der coole Digga mit seiner gewaltigen Bugwelle an Selbstbedeutung, der von der Seite her mitten durch meinen Trainingsbereich marschierte. Mit kantig vorgerecktem Kinn.
Upps.
Anschließend durfte er noch eine Weile unter Aufsicht auf dem Bodenpolster ruhen. Ich glaube, die Pause tat ihm generell ganz gut …

Kadaverkragen-Kinder

​Unterwegs im ÖPNV. Kinder mit Kadaverkragen-Jacken und Echtpelz-Bommeln. Oder: Wenn die Merknix-Eltern der geistigen Unterschicht schon einmal emsig den Dispo auf dem Karmakonto ihres Nachwuchses austesten. Sind’s womöglich die selben Erziehungsberechtigten, die sich in nächtlichen Spielzeughaustier-Auswilderungsaktionen nach Weihnachten für die Artenvielfalt an den Autobahnraststätten einsetzen?

Karlotta und die zusätzliche Stunde

imag0136aDie Leidtragenden der sommerzeitlichen Uhrenumstellung – heute: Katzenbesitzer.
Insbesondere die zweibeinigen Mitbewohner vierbeiniger Feliden tragen in den nächsten Tagen schwer an der neu geordneten Uhrzeit. Denn die Laune ihrer kleinen, pelztragenden Besitzer wird aufgrund der durchweg als verspätet wahrgenommenen Futterdarreichung in zunehmende Empörung abgleiten …

(Im Bild: Noch schwankend zwischen Irritation und beginnender Verärgerung: Karlotta. Ihrer Meinung nach bereits ungebührlich lang auf ihr Futter wartend.)

Trump & Hillary

​Trump hat also bei der TV-Debatte gegen Hillary abgestunken. Sie: Geschliffen und cool argumentiert. Er: Hilflos herumgestammelt, gepöbelt und am Ende behauptet, sein Mikrofon sei irgendwie defekt gewesen. Was wird jetzt passieren? Nun, diejenigen, die bisher seine Fans waren, werden noch fester zu ihm stehen. Und überdies wird er noch neue hinzugewinnen. 

Warum? Weil, seine Anhänger sich abgehängt und zurückgesetzt glauben. Von gebildeten, coolen, gutaussehenden Menschen, die mit elaborierter Sprache eine nicht durch Logik, sondern durch Emotionen begründete Haltung wegdiskutieren. 

Das kann nicht funktionieren. Es treibt die Leute nur noch immer schneller und immer trotziger in die Arme der Populisten und Demagogen. In den USA wie bei uns.

Wenn die so weitermachen, wird in den USA Trump auf Sicherheit der „letzte Präsident of ‚murica“ und bei uns die A(dol)fD regieren …

Moderne Telekommunikation

o2 – der Telefonanbieter Ihres Vertrauens …

„Ihre Wartezeit beträgt voraussichtlich 30 Minuten … Oh, da haben sie die falsche Nummer gewählt, Sie müssen die Nummer wählen, die Sie mit der SMS bekommen haben … Sie haben keine SMS von uns erhalten? Dann müssen Sie den Kündigungs-Vorgang noch einmal ganz von vorn beginnen …“ „Ihre Wartezeit beträgt voraussichtlich 45 Minuten … sofern Ihre Telefonverbindung nicht wie gewohnt unvermittelt zusammenbricht … klick … tuut tuut tuut …“ „Ihre Wartezeit beträgt voraussichtlich 50 Minuten … klick … tuut tuut tuut …“ „Ihre Wartezeit beträgt voraussichtlich 55 Minuten …“

Ihr Götter, bin ich froh, wenn ich diesen Scheißverein o2 endlich los bin!

Nachtrag:

„Würden Sie mir eventuell den Grund für die gewünschte Vertragskündigung nennen?“
„Sehr gerne. Es liegt an der unfassbar schlechten Verbindungs- und Übertragungsqualität. Schon nach einer Minute ist der Gesprächspartner kaum noch zu verstehen – nur noch Rauschen und Knacken. Selbst kurze Sätze kommen lediglich verstümmelt und zerhackt an. Das ist unerträglich.“
„Könnten Sie bitte etwas lauter und deutlicher sprechen? Sie sind kaum zu verstehen …“

Don’t mess with the devilish man …

An der Fahrrad-Ampel

„Mamaaa!“ „Mamaaaa! Der Mann hat keinen Helm auf! … Warum hat der Mann keinen Helm auf? … Mamaaa! … Jeder muss einen Helm aufhaben! Warum hat der keinen Helm auf?“ Der Dreikäsehoch auf seinem Hampelrad ist völlig außer sich.

„Das ist ein sehr dummer Mann. Deswegen hat er keinen Helm auf. Weil er sehr dumm und alt ist.“

Mamaaa ist sichtlich zufrieden mit ihrer Erläuterung. Ihre Stimme erinnert mich an einen Heliumatmer. Sie spricht weit oben im Hals und presst die Worte laut hervor. Es quietscht in sämtlichen umliegenden Ohren. Sie streicht ihre rotblonden Haare zur Seite und widmet sich einer Whatsapp-Nachricht.

„Hey Kleiner, das ist nicht ganz richtig“, werfe ich ein, „eigentlich trage ich keinen Helm, weil ich erwachsen bin. Und mir niemand etwas vorschreiben kann. Ich darf auch immer Schokolade essen. Und Eis. Wann ich immer ich will. Aber, das darf ja auch jedes Kind.“

„Ich darf keine Schokilade haben! Die ist ungesund!“

„Du darfst keine Schokolade haben? Oh, das ist komisch. Alle Kinder dürfen doch zu jeder Zeit, wann immer sie wollen Süßigkeiten essen. Schokolade zum Frühstück, Eis zu Mittag, Pudding zum Abendessen. Alle Kinder dürfen das. Nur du nicht. Und weißt du, warum du das nicht darfst? Weil deine Mama voll gemein ist. Alle anderen Kinder dürfern immer soviel Schokolade haben, wie sie wollen. Nur du nicht. Du musst außerdem auch immer mit diesem hässlichen Helm herumfahren, weil deine Mutter möchte, dass du so richtig schön doof aussiehst.“

„Die anderen Kinder tragen aber doch auch Helme!“

„Ja, aber nur, wenn du dabei bist. Das hat deine Mutter ihnen gesagt. Sobald du weg bist, setzen alle ihre Helme ab und stopfen sich mit Eis und Schokolade voll. Und du bekommst nichts ab, weil deine Mutter voll gemein ist. Alle anderen dürfen übrigens auch immer so lange aufbleiben, wie sie wollen. Und müssen nie duschen.“

Seine Augen irren zwischen mir und Mamaaa hin und her. Füllen sich langsam mit Flüssigkeit, seine Wangen werden roter. Mamaaa hingegen bekommt im Verkehrslärm nicht allzuviel von unserem Dialog mit …

„Wenn du erwachsen bist, darfst du den Helm absetzen und kannst jede Menge Schokolade haben.“

Ich sehe Hoffnung in ihm aufkeimen …

„Aber das ist erst, wenn du so alt bist wie ich. Das dauert noch vieeeelee Jahre. Du musst erst ganz alt werden. Uralt. Und dann musst du schon bald sterben. Das tut mir sehr Leid für dich.“

Er hat jetzt eine interessante Farbe: irgendwo zwischen rot und violett. Das kleine, feiste Kindergesicht zur leuchtenden Faust geballt. Die Ampel schaltet auf Grün. Ich entferne mich von dem einsetzenden Krawall einer sich zutiefst ungerecht behandelt gefühlten Kinderseele.

Don’t fuck around with Satan’s son.

Tähähähähä …

Zu Hause angekommen, muss ich leider feststellen, dass das Große Sommerfest in der Senioren-Anlage nebenan jetzt erst richtig in Schwung gekommen ist. In den großen Lautsprechern reichen sich Helene Fischer, Truck Stop, Tony Marshall und der alte Holzmichel die Hände und schunkeln meine Bad Karma-Punkte ab, die ich gerade eben noch einmal ordentlich aufgefüllt hatte …

Verdammt!