Elbhipster

Kleine sonntägliche Radtour durch die Heimatstadt. Mit Kindheitsviertelabstecher und Am-Hafen-Herumgelungere.

Schöner Dialog mit einem hipsterigen Großgrundbesitzer auf der Wilhelmsburger Elbseite:

„Ja nee, da dürfen Sie sich nicht aufhalten. Das ist privat!“

Der Quadratbart mit der großzügig pomadisierten Querfrisur fuchtelt mit einem Bratspatel aus seinem Fahrzeug zu mir herüber. Ich stehe am steinigen Elbstrand. Es ist die Stelle, an die ich mich als Kind immer zurückzog, wenn es mir mit den anderen Menschen um mich herum zu viel wurde. Nach vielen vielen Jahren bin ich mal wieder hier.

„Ach echt? Hier hing ich als Kind immer herum. Das war hier alles Brachland.“

„Das ist hier jetzt alles verpachtet. Für die Touri-Gastro. Neben meinem Foodtruck steht hier demnächst noch ein Juice- und Smoothietruck. Kommen viele Städtereisende von den Landungsbrücken herüber. Durch den Alten Elbtunnel. Die wollen alle versorgt sein. Kommen Sie mal da wieder weg, da dürfen Sie nicht durch.“

„Alles gut, ich lasse Ihnen ja gern die Deutungshoheit über mein altes Viertel. Dafür haben Sie schließlich bestimmt gutes Geld bezahlt. Außerdem verdient ja auch diese Elbseite ihr Quantum Gentrifizierung.“

„Ja nee, das ist hier alles Lokalkolorit. Alles naturbelassenes Industrieviertel. Unbezahlbar sowas. Und die Gebäude stehen alle leer und verfallen ganz malerisch.“

„Das liegt am großen Industriesterben im Hafen. Das fing schon in den 1980ern an. Da wurden hier alle arbeitslos.“

„Abandoned places. Verlassene Orte. Ganz hervorragend als Kulisse für das kulinarische Erlebnis. Echte Industriefolklore. Und so schön frei von Gestank, da ja kein Schlot mehr raucht.“

„Oh, Folklore haben wir hier ganz viel. Zum Beispiel die unzähligen Blindgänger.“

„Hä?“

„Na, die Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die hier in Riesenmenge herabregneten. Von denen etliche nicht hochgingen.“

„Äh …“

„Ja, die faulen hier überall im Boden vor sich hin. Ab und an geht eine hoch. Oder wird rechtzeitig gefunden und entschärft.“

„Ja, aber …“

„Genau hier gingen die meisten runter.“

„Äh …“

„Aber machen Sie sich mal keine Sorgen, solange Sie nicht exzessiv mit ihrem Lkw herumrangieren, sollte eigentlich nichts passieren … und außerdem ist das Ding ja nicht so schwer, oder? Bei mehr als zwei Tonnen Fahrzeuggesamtlast verdichtet der Boden stark genug, um auch Bomben in größerem Umkreis zur Detonation zu bringen … Vielleicht sollten Sie nicht zu viele Leute gleichzeitig in die Nähe des Fahrzeugs lassen. Wäre ja zusätzliches Gewicht, nä. Na, Sie machen das schon. Tschühüüss.“

Es war auch wirklich an der Zeit, weiterzufahren. Die Sonne schien so schön.

Erziehungshelfer

Liebes Nachbarskind,

ich weiß, es ist frustrierend, dass meine maximalbepelzte, vierbeinige Mitbewohnerin Karlotta völlig unbeeindruckt von deinen Lockversuchen statuenhaft auf dem Hochparterre-Balkonsims verharrt. Sie ignoriert kleine kreischige Gören nun einmal. Ist eine Marotte von ihr. Und vielleicht etwas unhöflich.
Daher kann ich auch gut verstehen, dass du sie flunschgesichtig mit dem dürren Strahl deiner kleinen Wasserpistole aufs Korn nehmen musstest.
Was mir allerdings leid tut, und dafür möchte ich mich in aller Form bei deiner zartbesaiteten Kindersoziopathenseele entschuldigen, ist der bedauernswerte Umstand, dass der Eimer Wasser, den ich dir kurz darauf vom Balkon aus über den Kopf goss, nur halb gefüllt war. In der Eile ging leider nicht mehr. Aber versprochen: beim nächsten Mal gibt’s die volle Ladung. Aus der großen Waschschüssel. Mit Gummi-Entchen oben drauf.

Hilfsbereite Nachbarschaft

Die füllige Frau mit den schlechten Tattoos und den herauswachsenden, blondierten Strähnen im aufgeplüsterten Haar zerrt schweißüberströmt am Griff der Sackkarre. Am unteren Ende der manuellen Schwerlasthilfe müht sich zeitgleich ihr bierbäuchiger Mann mit der fahlen Kettenraucherhaut schiebend und japsend ab.
Der Transport der Waschmaschine scheint bereits an der Treppe zum ersten Stock zu scheitern. Bis in den zweiten müssen sie es aber schaffen. Die etwa dreizehnjährige Tochter – ich glaube, dass sie Cheyenne-Hanuta oder so ähnlich heißt; jedenfalls klingt das so, was ihre Mutter wiederholt in ihre Richtung ruft -, steht augenrollend daneben und bemängelt erbost den Umstand, dass sie partout keinen Empfang mit ihrem Smartphone hätte.
Ich – just vom Sport heimkommend – lasse meine Tasche fallen und eile hinzu. Gemeinsam wuchten wir das blecherne Ungetüm von Stufe zu Stufe, gelangen nun recht zügig in die zweite Etage.
„Danke, für die Hilfe.“
Die neuen Nachbarn, die Familie ist vor zwei Wochen eingezogen, sind ebenso erleichtert wie angetan.
„Kein Ding. Mache ich doch gern.“
„Ja, da merkt man gleich, dass man in ein ordentliches deutsches Haus gezogen ist.“
„Hä? Verstehe ich jetzt nicht …“
„Naja, wären hier nur so K*n*ken, wie in unserem alten Haus in Billstedt, würde das ja kein’n interessieren. Die machen nie ’nen Finger krumm für deutsche Leute.“
„Achso. Ja, ich als Zigeuner helfe immer gern. Da kann man auch gleich mal einen Blick in die Wohnung der neuen Nachbarn werfen.“
„Was?!“
„Na, was da so drin ist. An Werten. Echt praktisch. Und ganz unauffällg.“
„Aber …“
„Verdammt großen Fernseher haben Sie da. Nicht schlecht.“
„Äh …“
„So, jetzt muss ich aber. Schönen Tag noch.“
„Ja … äh … ebenfalls …“

Es bleibt schwierig …

Tähä.

Eine neue Lebensaufgabe …

DHL – Der Kampf geht weiter

*Ding-Dong*

Zwei Herren stehen vor meiner Wohnungstür. Beide grinsen irgendwie verlegen in ihren DHL-Kurzbeinhosen und nicken eifrig. Ich sage „Guten Tag“, man murmelt etwas Unverständliches. Der eine streckt mir anschließend ein Paket entgegen – auf dem Adressaufkleber steht etwas von „F. Buttgereit“ und „Hausnummer 21“. Ich schüttle freundlich den Kopf: „Tut mir Leid, ich heiße nicht F. Buttgereit, sondern Hacker. Guck, hier zum Beweis das Namensschild an der Tür.“
Die Beiden schauen sich an und es erfolgt ein kurzer Disput in einer mir völlig unbekannten Sprache, die aber irgendwie drollig sympathisch klingt. Dann richtet sich die Aufmerksamkeit wieder auf mich und man hält mir erneut das Paket unter die Nase.
„Nein, nein – das ist nicht für mich. Das ist für jemanden namens „F. Buttgereit“ bestimmt. Es steht zudem die Hausnummer 21 drauf; das hier ist das Haus mit der Nummer 23.“
Wieder Diskussion. Dann wendet sich der hintere der beiden DHL-Männer mit traurigem Blick an mich: „Kein 21?“
„Nein, 23.“
„Kein Haus 21 da.“
„Doch, nebenan.“
„Kein nebenan.“
„Doch, doch – hier aus der Haustür hinaus und dann rechts. Gleich der nächste Eingang.“
„Kein Hauseingang.“
„Doch! Gleich nebenan.“
„Da kein Haus!“
„Leute, bitte, als ich gestern nachgesehen habe, war da ganz sicher ein Haus. Sogar mit Eingang. Und oben drüber die Hausnummer 21. Das wird nicht über Nacht verschwunden sein.“
„Kein Haus!“, bekräftigt der Vordere und drückt mir das Paket nachdrücklich in die Hand.
Der andere nickt eifrig: „Hier Paket, gib 21.“
Man macht auf dem Absatz kehrt, strebt den Hausflur hinunter zur Eingangstür.
„Hey, muss ich nicht irgendwas unterschreiben, sach ma?“
„Kein 21, kein Unterschrift, alles gut!“
„Nun, denn man tau …“, verfalle ich kurz ins drollige Plattdeutsche.
Dann läuft es mir kalt den Rücken hinunter: Bin ich etwa gerade gegen meinen Willen zum DHL-Hilfsdeputy ernannt worden? Upps …

DHL – Der Kampf geht weiter

DHL – Der Kampf geht weiter

„Was machen Sie da?“
„Ich hole mein Paket ab.“
„Sie können doch nicht einfach selbst nach Ihrem Paket gucken!“
„Warum nicht? Die Pakete lagern doch hier draußen auf dem Gang.“
„Nein, tun sie nicht.“
„Doch. Ist das kein Post-Selbstbedienungsbereich?“
„Nein! So etwas gibt es nicht!“
„Doch, doch – die Pakete stehen hier neben dem Postbank-Auszugsdrucker und den Kassen vom angrenzenden Supermarkt.“
„Nein, da sind keine Pakete. Das wäre ja gar nicht erlaubt. Hätte ja jeder Zugriff.“
„Oh, hier ist mein Paket. Das, das angeblich noch gar nicht eingetroffen sein soll.“
„Das bilden Sie sich ein.“
„Wow! Meine Einbildungskraft ist enorm! Ich kann es sogar anfassen. Guck: Hier ist mein Paket.“
„Legen Sie das Paket wieder auf den Lager-Wagen!“
„Ich kann es bestimmt auch wieder verschwinden lassen. Mit meiner neu entdeckten Einbildungs-Superkraft.“
„Sie haben es einfach in ihre Tasche gesteckt!“
„Nein, das bilden Sie sich ein. Aber meine Einbildungskraft ist viel stärker als ihre! Ätsch!“
„Bleiben Sie hier!“
„Ich komme morgen wieder. Und bilde mir ein weiteres Paket auf dem Gang ein – es ist unterwegs und müsste morgen auf gar keinen Fall eintreffen.“

DHL – Der Kampf geht weiter

DHL – Der Kampf geht weiter

Besser die Finger davon lassen …

„So, hier sind ihre drei Pakete. Ich brauche noch ihre Unterschrift auf dieser Quittung …“
„Äh, da stimmt etwas nicht – ich erwarte bloß zwei Pakete.“
„Es sind aber nunmal drei.“
„Dieses hier ist nicht meines.“
„Doch.“
„Nein.“
„Aber ja doch!
„Ich mag es zwar nicht, wenn Leute herum-abern, aber auf diesem Paket steht nicht einmal mein Name.“
„Wohl!“
„Ich heiße Hacker, Viktor Hacker. Hier steht aber Hocker, Kevin Hocker.“
„Ja und? Ist doch fast dasselbe!“
„Hören Sie, ich bin zwar in einem sozialen Brennpunkt Hamburgs geboren und aufgewachsen. Ok. Aber für „Kevin“ bin ich schlicht die falsche Generation. Viel zu alt …“*
 
„Sonst meckern Sie immer herum, dass Sie zu wenige Pakete bekommen, und jetzt dieses Geblöke, obwohl Sie eines zu viel erhalten. Nehmen Sie das Paket nun entgegen, oder nicht?“
„Ich bin nicht Kevin Hocker. Ich will sein Paket nicht! Wer weiß, was der sich da bestellt hat …“
„Meine Fresse. Dann eben nicht. Hier, ich habe noch ein unadressiertes Paket – möchten Sie das evtl. mitnehmen?“
„Landen unadressierte Pakete immer bei Ihnen in der Filiale?“
„Manchmal. Wieso?“
„Och, nur so. Falls Sie planen, es zu öffnen, würden Sie dann bitte warten, bis ich weit genug von der Filiale entfernt bin?“
„Hä? Verstehe ich nicht …“
„Macht nichts. Warten Sie einfach ungefähr fünfzehn Minuten, bitte.“
 
DHL – Der Kampf geht weiter
 
*(alles nach dem Sternchen entspringt der dichterisch-humoristischen Freiheit)

Überregionale Schaumschlägermeisterschaften

Schöner Türstehen. Der sogenannte „Hohe Füllsturz senkrecht“ ist eine enorm anspruchsvolle Figur des „Becherkampfs am Clubeingang“ – einer auch breitensportlich beliebten Teildisziplin der Internationalen Gastronomischen Spiele.

Hierbei wird der Inhalt einer Glasflasche – vorzugsweise frisches Bier – vor dem Hinaustreten aus dem Club abrupt in entschlossenem Tempo kerzengerade in einen Plastikbecher transferiert. Über den gesamten Vorgang hinweg muss ein Mindestabstand von wenigstens dreißig Zentimetern zwischen Flasche und Becher eingehalten werden. Perfekt ausgeführt, geht kein einziger Tropfen Flüssigkeit daneben und es entsteht im oberen Viertel des Bechers eine exakt halbrunde Schaumkrone. Der Sportler oder die Sportlerin tritt hierbei direkt gegen die vorherrschenden physikalischen Gesetze in punkto „Mechaniken von Flüssigkeiten und Gasen“ in den Ring. Daher gilt die Figur in Fachkreisen als nicht meisterbar.

Bisher konnte ein bis zur Schaumkrone gelungener „Hoher Füllsturz senkrecht“ nicht dokumentiert werden. Zwar erzählt die Legende von einem erfolgreichen Versuch bereits in der Vorrunde der Pinneberger Regionalmeisterschaften von 1978 seitens des berühmten holsteinischen Kneipensport-Champions Paustian Legolas Siems. Da jedoch die filmische Aufzeichnung in der südholsteinischen Metropole erst Anfang der 1980er Jahre eingeführt wurde und auch die schriftlichen Zeugnisse aus dieser Zeit aus der Gegend nur mühsam leserlich sind, fehlt hier jeglicher stichhaltig nachprüfbarer Beweis.

Trotzdem die Figur daher weiterhin als nicht machbar angesehen wird, gibt es viele trinkfeste Profis sowie enthusiastische Amateure der „Internationalen Gastronomischen Spiele“, die sich Wochenende für Wochenende am „Hohen Füllsturz senkrecht“ abmühen, wobei sich hier insbesondere die weiblichen Clubbesucher als besonders ausdauernd erweisen.

Dem Türmann als Schiedsrichter und Platzwart obliegt es, für ein stets sauber betretbares Eingangsfeld zu sorgen, indem die Spielfläche nach jedem erfolglosen Durchgang mit einem zugelassenen Abzieher für den nächsten Teilnehmer wieder trocken gezogen wird. Seien die Versuche nun sinnlos oder nicht – aufzugeben oder eine einfachere Ausführung mit schräg gehaltenem Becher zu wählen, gilt in Kneipensportlerkreisen als unehrenhaft und wird übereinstimmend abgelehnt.

Ausschnitt aus dem Bühnenprogramm „Der Türmann“: Kloberatung

Ein Schnipsel des Bühnenprogramms „Der Türmann“. Aufgenommen beim Kunst & Frevel „Comedy Jam“ im Salon Hansen (Mai 2017, Lüneburg).

DHL – Der Kampf geht weiter

Fachbereich Postfiliale. „Schönen Guten Tag, Hacker, ich möchte gern mein Paket abholen. Hier ist meine DHL-Kundenkarte.“
„Gerne. Welches Fach?“
„Wie, welches Fach?“
„Ich muss das Fach wissen, um das Paket finden zu können.“
„Woher soll ich denn wissen, in welchem Fach es liegt?“
„Ohne Fach kein Paket.“
„Hmm … versuchen Sie es doch mal mit „Erziehungswissenschaften“.“
„Haha. Wie lustig. Sie sind wohl Komiker.“
„Ja. Aber das Kompliment kann ich guten Gewissens zurückgeben. Sie schlagen sich da auch ganz gut …“
„Wissen Sie das Fach nun, oder nicht?“
„Keine Ahnung, vielleicht steht ja „Hacker“ dran, so oft wie ich hier Pakete abholen muss, die eigentlich zu mir nach Hause adressiert waren.“
„Ich frage mal meine Kollegin.“
„Tun Sie das. Vielleicht unterrichtet die ja sogar Erziehungswissenschaften.“

DHL – Der Kampf geht weiter

Pizza.de weiß, was Mütter wollen!

Wenn Mama am Sonntag lallend und schwankend von ihrer ausgedehnten Muttertags-Sauftour mit den anderen Muttis nach Hause kommt, wartet schon ihr heißes Muttertags-Geschenk dampfend auf dem Esstisch.
Und das Beste dabei: Der festliche Gemüseteig-Rundling ist schon fix & fertig; sie muss ihn nicht, wie ihr großes Geburtstagsgeschenkt neulich – die üppig belegte Tiefkühlpizza „Hawaii“ vom Aldi -, erst noch selbst in den Ofen schieben.

So muss Muttertag – danke, Pizza.de!