Auf der Reise von Uelzen nach Hamburg

​Schöner Sprechen im Regional-Express 

Wo Leute über andere verfügen und diese angemessen in der dritten Person antworten: „Guck mal, wenn er sich woanders hinsetzt – da hinten zum Beispiel, auf den zugigen Einzelplatz in der letzten Ecke -, dann können wir hier zu viert zusammensitzen“, die fluffig mit wallendem Medusenhaar und Schal-Gebirge ausgestattete Frau wedelt unbestimmt mit der Hand in meine Richtung.

Ich versuche es mit Höflichkeit: „Tut mir Leid, „er“ wird sich keinesfalls woanders hinsetzen. Aber „sie“ und „ihr“ Gefolge mögen sich doch just einen Wagen weiter nach vorn verfügen. Dort harret eine gröhlende, armeschwenkende und biertrinkende Fußball-Fanschar sehnsüchtig „ihrer“ Gesellschaft. Gehabet „euch“ wohl, illustres Volk.“

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

 
Heute: Kunstwerk Freiberuflerrechnung
 
Die unbeglichenen Rechnungen von Freiberuflern sind seit jeher aus dem Alltag moderner Unternehmen und großer Agenturen nicht wegzudenken.
Dienten sie früher jedoch dank vielfacher Faltbarkeit vor allem der Stabilisierung von Regalen, Frühstückstischen und Fußmatten, finden sie heute vermehrt ganz neue Verwendungen in der künstlerischen Dekoration.
In hochwertigen Rahmen an den Wänden ebenso sündhaft teuer wie gediegen elegant eingerichteter Konferenzräume als moderne Kunst in Szene gesetzt, dokumentieren sie in ihrer stoischen Unbezahltheit die Vergeblichkeit der Dinge.
Als Zeugen langer Zeiträume des Verweilens erheben sie mahnend den Zeigefinger der Äonen und sagen dem Menschen: Du und dein Streben, ihr seid nichts im Vergleich zur erhabenen Drift der Kontinente.
Und doch sind sie auch Dokumente einer konstanten Haltung des Schweigens, der Kultur der verlässlichen Ignoranz, die sich auch durch den sich erhebenden Bocksgesang der Nachfragen, Erinnerungen und Mahnungen nicht zu unziemlicher Hast oder gar Bezahlung der geleisteten Arbeit verleiten lässt.
Die Präsenz der als Kunstwerk verstandenen und nicht dem schnöden Mammon verhafteten Freiberufler-Rechnung wird in ihrer Unerlösung überdauern – auch wenn der erschaffende Künstler, der Freiberufler, lang verhungert, verwelkt, verweht und vergessen ist.
Nicht alles Menschenwerk ist schnell und vergänglich.

Heiligabend. Mal nicht als Freibeuter greifbar

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heiligabend. 19.30 Uhr. Mit Freunden, Patenkindern und überhaupt super Menschen an einem Tisch herumspaßend, der mit leckeren Sachen und wunderbarem Wein bestens bestückt ist. Das Smartphone brummt hartnäckig vor sich hin. Ein neugieriger Blick offenbart: E-mail eines potentiellen Kunden. Ob man kurz eine Demo für einen Sprecherauftrag aufnehmen und schicken könne?

Na, aber sicher doch. Allerdings nur für die Rolle eines leicht trunkenen Weihnachtsmannes.

Ja nee, es ginge um den Off-Kommentar eines Erklärfilms über Mitarbeiterführung und betriebliche Motivation.

Ach echt? Dürfe man denn dort leicht geschärfte Ironie und etwas zitronensauren Sarkasmus in die Stimme einfließen lassen?

Verstehe ich nicht, sagt der Kunde.

Das glaube ich gern, schreibe ich, und schenke mir selbst nochmal reinen Wein ein, während ich mein Telefon abschalte und ebenso leise wie sicher in der Hosentasche verschwinden lasse …

Frohe Weihnachten. Nä.

Der Geheimkunde

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Der Geheimkunde

Seit ein paar Tagen erhalte ich Anrufe von einem potentiellen Kunden. Er möchte gern, dass ich ihm einen Off-Kommentar für sein Firmen-Imagevideo produziere. Nichts täte ich lieber als das. Falls wir uns handelseinig bezüglich der Vergütung würden.

Leider schreibt er mir keine e-mail, sondern ruft lediglich wiederholt an. Auf dem Festnetz. Das analoge Telefon und der dazugehörige Anrufbeantworter stehen dinosaurierartig in der Ecke des Vergessens meines Arbeitszimmers und bezeugen den langen Lauf der Zeit.

Er spricht immer dringlicher auf den AB.

Möchte gern zurückgerufen werden, um mir dann alle Infos per e-mail zukommen zu lassen. Er braucht hierfür vorher den persönlichen Kontakt. Sagt er. Auf dem Anrufbeantworter.

Auf das Hinterlassen einer Nummer, unter der ich mich zurückmelden könnte, verzichtet er. Wahrscheinlich aus Datenschutzgründen. Gehört wahrscheinlich zu der paranoiden Spezies, die auch immer die e-mails gleich nach dem Lesen löscht. Und später nicht mehr nachschauen kann, was man ihr schrieb.

Die Firma nennt er nicht. Und seinen Namen vernuschelt er dermaßen, dass sich ein Versuch, ihn zu „googeln“ überdies auch nicht anbietet.

Er wird wohl für immer ein geheimer Kunde bleiben.

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern

 
Heute: Das Substitut
 
Man fragt sich ja als freiberuflicher Sprecher, wann wohl das erste Job-Angebot im einstelligen Vergütungsbereich eintrudelt. So nach dem Motto: „Wie, neun Euro plus MwSt. reichen nicht aus für das Voice Over? Aber das dauert doch bloß zwei Minuten …“
 
In Wirklichkeit sind die visionären Auftraggeber natürlich schon längst einen Schritt weiter.
 
„Schönen Guten Morgen, Herr Hacker! Wir hatten ja neulich über die Vertonung mehrerer Schulungsfilme für unsere Mitarbeiter gesprochen und sie hatten schon einmal einen Teil eines Films als Beispiel produziert. Nun, wir haben uns entschlossen, das jetzt anzugehen. Allerdings möchten wir als Sprecher unseren neuen Empfangs-Praktikanten einsetzen. Der hat auch so eine tolle Stimme. Und kostet uns nichts, weil er eine Art Job-Maßnahme bei uns macht. Sagen Sie, Sie haben doch eigene Aufnahmemöglichkeiten … wäre es wohl möglich, dass er die Schulungsfilme bei Ihnen einspricht? Vielleicht könnten Sie ihm dann auch gleich den einen oder anderen Tipp bezüglich der Aussprache geben?“
 
„Gern. Es kostet dann allerdings das Doppelte der ursprünglich im Angebot aufgeführten Vergütung.“
 
„Wieso das denn? Sie werden dann doch gar nicht mehr als Sprecher tätig!“
 
„Richtig. Aber bei Fremdaufnahmen in meinem Studio gibt es eine Kaffee-Mindestabnahme. Und der kostet leider so einiges.“
 
„Davon habe ich ja noch nie gehört! Das finde ich jetzt sehr seltsam, muss ich sagen!“
 
„Guck an, da sind wir schon zwei …“

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Das Gender-Schlupfloch

„Hacker, schönen guten Tag. Sagen Sie, wir haben vor geraumer Zeit, lassen Sie mich lügen, ich glaube, es sind mittlerweile drei Monate, doch diese Abmachung getroffen: Sie beauftragen mich als exklusiven Sprecher für ihre Firmen-Imagevideos, die Werbespots, den Off-Kommentar in ihren Mitarbeiter-e-learning-Videos, und ich leihe meine Stimme im Gegenzug nicht ihrer Konkurrenz.

Jetzt habe ich bereits zwei Aufträge direkter Marktwettbewerber abgelehnt, von Ihnen aber noch immer keinen Laut bezüglich eines Sprecherjobs gehört, was ist denn da los?“

„Oh, Herr, äh, Hacker, schön, von Ihnen zu hören. Ich hoffe, es geht Ihnen gut, gesundheitlich alles in Ordnung und die Auftragslage prächtig.“

„Ja, letzteres ja nicht so ganz, da ich von Ihnen so gar nichts höre …“

„Wir haben zur Zeit leider gar nichts für Sie. Zwar gab es einigen Output unserer firmeneigenen Videoschmiede, aber da haben wir auf eine weibliche Stimme zurückgegriffen.“

„Moment mal, wir haben eine gegenseitige Exklusivitätsvereinbarung! Diese wird von Ihnen verletzt, wenn sie einfach so eine andere Sprecherin einsetzen!“

„Unsere Marketingabteilung meinte aber, eine weibliche Stimme sei verkaufsfördernder.“

„Nichtsdestotrotz ist das ein Bruch des Vertrags. Sie haben unterschrieben, dass Sie keinen anderen Sprecher einsetzen!“

„Ja aber, das ist doch eine Sprecherin, kein Sprecher. Wir würden natürlich nie einen anderen Sprecher hinzuziehen.“

„Sprecher oder Sprecherin macht keinen Unterschied – wir haben einen Vertrag. Den ich im Gegenzug streng einhalte!“

„Ja aber, die Sprecherin war auch um einiges günstiger als Sie! Und unsere Marketingabteilung hatte gerade erst die Budgets neu aufgestellt – da war nicht mehr so viel drin für die Vertonung.“

„Das Budget wird durch etwaige Rechtsstreitigkeiten noch ganz anders belastet, das können Sie mir mal glauben. Ich würde jetzt gern mit der Chefin sprechen, Frau XY, mit der ich damals den Vertrag ausgehandelt habe.“

„Frau XY ist im Mutterschutz und vorerst nicht mehr zuständig.“

„Na, super …“

„Ein Vorschlag zur Güte: Wir hätten da einen kleinen Point-of-Sale-Spot für einen Baumarkt. Der wäre doch was für Sie! Da ist eine männliche Stimme sowieso viel kundennäher …“

„Ach, auf einmal!“

„Ja, wir müssten nur noch einmal über den ursprünglichen Preis verhandeln. Der kommt uns im Nachhinein dann doch etwas happig vor …“

„Dick fich!“

„Wie bitte? Ich habe Sie jetzt, glaube ich, nicht richtig verstanden.“

„Ja, ich Sie auch nicht.“


Es bleibt schwierig.

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Korrekturphasen

 

Trotz sorgfältigster Prüfung des Produzierten unterlaufen selbst dem gewissenhaftesten freiberuflichen Sprecher natürlich auch einmal Fehler. Vom Kunden beispielsweise auf eine falsche Aussprache* im Off-Kommentar oder dem Voice Over hingewiesen, wird er dies aber ebenso bereitwillig wie zügig korrigieren.

Textänderungen sind jedoch keine Korrekturen, sondern Neuaufträge. Auch im Sinne des Zeitfaktors sollte die Lieferung eines endgültig freigegebenen Sprechertextes dem „work in progress“ vorgezogen werden. Überdies erspart sich der Kunde dann Diskussionen mit dem Freiberufler à la „Wie, das ist eine neue Produktion und ich muss noch einmal dafür bezahlen? Wir haben doch bloß einen neuen Text geliefert – das Thema bleibt doch das selbe!“

*(Nein nein, lieber bayerischer Auftraggeber, „zwanzich“ ist tatsächlich die korrekte Aussprache nach Standardlautung ihres mundartlichen „zwanzick“. Und das Wort „Kinesen“ gibt es so ebenfalls nicht – die richtige Form dieser Berufsbezeichnung im Bereich der Physik lautet „Kinetiker“.)

Ruf. Mich. Nicht. An!

Zielorientierte Kommunikationsstrategien – oder: Wie, Feierabend?
 
IMAG1299_1Sonntagabend. EM 2016. Deutschland spielt gegen die Slowakei im Achtelfinale, die erste Halbzeit läuft, die Bundes-Elf hat gerade zum 1:0 eingenetzt. Plötzlich: Ein in diesem Zusammenhang vollkommen unpassendes Geräusch sägt in die Szenerie – ein Kunde ruft an und möchte gern en détail über einige Sprechvorgaben für einen Auftrag in der nächsten Woche reden. Lässt sich nur mit größter Mühe auf gerade noch grenzhöfliche Art und Weise abwürgen. Versteht nicht, warum das Telefonieren jetzt nicht möglich sei. Wäre doch zur Zeit so schön ruhig überall. Sein Vorgehen erscheint mir in mehrfacher Hinsicht von nahezu atemberaubender Ignoranz.
 
Eigentlich nur durch die Penetranz eines gewissen Vorsitzenden des „Kunstbureau Wilhelmsburg e.V.“ damals in den frühen Neunzigern zu toppen. Dieser rief in den noch telekommunikativ unmobilen Zeiten grundsätzlich am Freitagabend auf dem Festnetz an. Während die allwöchentliche Star Trek-Ausstrahlung im TV lief. Weil er da sicher sein konnte, mich zu Hause zu erreichen …

Vorsprung durch Technik

Willy Tel. Der Internetzugang inklusive Telefon und allem ist seit fünf Uhr morgens tot. Zum Glück hatte ich den Großteil der eingesprochenen Audiofiles schon gestern Nacht um halb vier nach fertigem Schnitt an den Kunden abgeschickt. Die Techniker bei Willy Tel versichern mir: Der Fehler ist bekannt und in wenigen Momenten behoben. Sie versichern es mir seit heute morgen um sieben. Stündlich.
Der Kunde wartet auf die restlichen Off-Kommentare. Noch wäre aber Zeit. Wie er mir halbstündig versichert.
Wie in der Freiberuflerbranche üblich, wird mir der Kunde am Ende sagen: „Technische Probleme sind höhere Gewalt, da kann man nichts machen.“ Und sich für den nächsten Auftrag einen anderen suchen. Der zudem für weniger Geld arbeitet – wie in der Sprecherbranche üblich.
Es lebt sich spannend und wird nie langweilig im Digitalen Sozialdarwinismus.

Ein Ende mit dem Telefon-Anbieter-Generve

Schluss mit o2

Mir reicht das jetzt mit den unfreiwillig dazugebuchten Soundeffekten bei o2. Diese ständige Rauschen und Knacksen, die Lautstärkeschwankungen und unvermittelten Verbindungsabbrüche. Der Gesprächsteilnehmer, der zwischendurch klingt wie ein Alien, das aus der Kanalisation nach Hause zu telefonieren versucht …

Die Zeitgenossen vor Alexander Graham Bells Erfindung wären vermutlich begeistert gewesen, ohne zu schreien über eine Distanz von mehr als einhundert Metern kommunizieren zu können, aber bitte, liebe Leute, wir haben 2016 und ich möchte mich nicht nach jedem Telefonat schweißgebadet vor Anstrengung erschöpft das Handy fallen und auf den Boden sinken sehen. Das ist doch nicht zeitgemäß, das kann doch nicht der Stand der Technik sein.

Ich habe auch keine Lust mehr, mir von euren schwer zu erreichenden Telefonjokern seit der Verwendung von drei Smartphones unterschiedlicher Bauart erläutern zu lassen, dass selbstverständlich auf eurer Seite keinerlei Fehler vorliegt und alles super ist.

Es hilft nichts: wir müssen unsere langjährige Beziehung beenden, denn sie ist zerrüttet. Und ich versuche jetzt mein Glück mit anderen Anbietern.