Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Würdevoll selbstloser Beispielgeber

Es ist ja ganz normal, immer wieder von Agenturen aufgefordert zu werden, Angebote für Sprecheraufträge abzugeben, auf die dann keinerlei Antwort oder Reaktion erfolgt. Schließlich hat man sich nassforsch an den gängigen Sprecherpreislisten orientiert und den Kunden in spe auf diese Weise unhöflichst brüskiert.

Wenn man aber zufällig mitbekommt, dass die mitgelieferten, extra hierfür aufgenommenen Audiodemos anschließend anderen, weit und zügig entgegenkommend preisgünstigeren Konkurrenten als „Beispiel, wie das klingen soll“ vorgelegt werden, kann man immerhin würdevoll erhobenen Hauptes in den freiberuflichen Hungertod schreiten.

Talkgast

Kaum aufgezeichnet, zack: schon im Netz. Kurz vor Weihnachten durfte ich der wunderbaren Astrid Rolle bei der 18. Ausgabe von TalkDOT ausführlich Rede und Antwort stehen.

Dankeschön!

Auf der Bühne. Wo ich am liebsten bin. Ein Publikum unterhalten zu dürfen, mit meinen bizarren und womöglich lustigen Geschichten. Leute zu treffen, die bereit sind, sich mein Zeug anzuhören. Von netten Menschen dabei unterstützt zu werden. Solo oder im Ensemble mit wunderbaren anderen Künstlern auftreten zu können. Ich habe ein gutes Leben. Und dafür bin ich dankbar. Eine große Verbeugung vor allen, die mir das alles wieder und wieder möglich machen! Dankeschön!

On stage. The place i like to be most. To have an audience to entertain with my bizarre and probably funny stories. To meet people who are willing to listen to my stuff. To be supported by nice persons all the time. To perform solo or in collaboration with wonderful other artists. I have a good life and i’m thankful for that. A big bow to everyone who makes that possible again and again! #getsentimental #lovemylife #voiceartist #voiceactor #onstage #comedy #spokenwordperformance #xmastime

Auf der Reise von Uelzen nach Hamburg

​Schöner Sprechen im Regional-Express 

Wo Leute über andere verfügen und diese angemessen in der dritten Person antworten: „Guck mal, wenn er sich woanders hinsetzt – da hinten zum Beispiel, auf den zugigen Einzelplatz in der letzten Ecke -, dann können wir hier zu viert zusammensitzen“, die fluffig mit wallendem Medusenhaar und Schal-Gebirge ausgestattete Frau wedelt unbestimmt mit der Hand in meine Richtung.

Ich versuche es mit Höflichkeit: „Tut mir Leid, „er“ wird sich keinesfalls woanders hinsetzen. Aber „sie“ und „ihr“ Gefolge mögen sich doch just einen Wagen weiter nach vorn verfügen. Dort harret eine gröhlende, armeschwenkende und biertrinkende Fußball-Fanschar sehnsüchtig „ihrer“ Gesellschaft. Gehabet „euch“ wohl, illustres Volk.“

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

 
Heute: Kunstwerk Freiberuflerrechnung
 
Die unbeglichenen Rechnungen von Freiberuflern sind seit jeher aus dem Alltag moderner Unternehmen und großer Agenturen nicht wegzudenken.
Dienten sie früher jedoch dank vielfacher Faltbarkeit vor allem der Stabilisierung von Regalen, Frühstückstischen und Fußmatten, finden sie heute vermehrt ganz neue Verwendungen in der künstlerischen Dekoration.
In hochwertigen Rahmen an den Wänden ebenso sündhaft teuer wie gediegen elegant eingerichteter Konferenzräume als moderne Kunst in Szene gesetzt, dokumentieren sie in ihrer stoischen Unbezahltheit die Vergeblichkeit der Dinge.
Als Zeugen langer Zeiträume des Verweilens erheben sie mahnend den Zeigefinger der Äonen und sagen dem Menschen: Du und dein Streben, ihr seid nichts im Vergleich zur erhabenen Drift der Kontinente.
Und doch sind sie auch Dokumente einer konstanten Haltung des Schweigens, der Kultur der verlässlichen Ignoranz, die sich auch durch den sich erhebenden Bocksgesang der Nachfragen, Erinnerungen und Mahnungen nicht zu unziemlicher Hast oder gar Bezahlung der geleisteten Arbeit verleiten lässt.
Die Präsenz der als Kunstwerk verstandenen und nicht dem schnöden Mammon verhafteten Freiberufler-Rechnung wird in ihrer Unerlösung überdauern – auch wenn der erschaffende Künstler, der Freiberufler, lang verhungert, verwelkt, verweht und vergessen ist.
Nicht alles Menschenwerk ist schnell und vergänglich.

Heiligabend. Mal nicht als Freibeuter greifbar

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heiligabend. 19.30 Uhr. Mit Freunden, Patenkindern und überhaupt super Menschen an einem Tisch herumspaßend, der mit leckeren Sachen und wunderbarem Wein bestens bestückt ist. Das Smartphone brummt hartnäckig vor sich hin. Ein neugieriger Blick offenbart: E-mail eines potentiellen Kunden. Ob man kurz eine Demo für einen Sprecherauftrag aufnehmen und schicken könne?

Na, aber sicher doch. Allerdings nur für die Rolle eines leicht trunkenen Weihnachtsmannes.

Ja nee, es ginge um den Off-Kommentar eines Erklärfilms über Mitarbeiterführung und betriebliche Motivation.

Ach echt? Dürfe man denn dort leicht geschärfte Ironie und etwas zitronensauren Sarkasmus in die Stimme einfließen lassen?

Verstehe ich nicht, sagt der Kunde.

Das glaube ich gern, schreibe ich, und schenke mir selbst nochmal reinen Wein ein, während ich mein Telefon abschalte und ebenso leise wie sicher in der Hosentasche verschwinden lasse …

Frohe Weihnachten. Nä.

Der Geheimkunde

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Der Geheimkunde

Seit ein paar Tagen erhalte ich Anrufe von einem potentiellen Kunden. Er möchte gern, dass ich ihm einen Off-Kommentar für sein Firmen-Imagevideo produziere. Nichts täte ich lieber als das. Falls wir uns handelseinig bezüglich der Vergütung würden.

Leider schreibt er mir keine e-mail, sondern ruft lediglich wiederholt an. Auf dem Festnetz. Das analoge Telefon und der dazugehörige Anrufbeantworter stehen dinosaurierartig in der Ecke des Vergessens meines Arbeitszimmers und bezeugen den langen Lauf der Zeit.

Er spricht immer dringlicher auf den AB.

Möchte gern zurückgerufen werden, um mir dann alle Infos per e-mail zukommen zu lassen. Er braucht hierfür vorher den persönlichen Kontakt. Sagt er. Auf dem Anrufbeantworter.

Auf das Hinterlassen einer Nummer, unter der ich mich zurückmelden könnte, verzichtet er. Wahrscheinlich aus Datenschutzgründen. Gehört wahrscheinlich zu der paranoiden Spezies, die auch immer die e-mails gleich nach dem Lesen löscht. Und später nicht mehr nachschauen kann, was man ihr schrieb.

Die Firma nennt er nicht. Und seinen Namen vernuschelt er dermaßen, dass sich ein Versuch, ihn zu „googeln“ überdies auch nicht anbietet.

Er wird wohl für immer ein geheimer Kunde bleiben.

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern

 
Heute: Das Substitut
 
Man fragt sich ja als freiberuflicher Sprecher, wann wohl das erste Job-Angebot im einstelligen Vergütungsbereich eintrudelt. So nach dem Motto: „Wie, neun Euro plus MwSt. reichen nicht aus für das Voice Over? Aber das dauert doch bloß zwei Minuten …“
 
In Wirklichkeit sind die visionären Auftraggeber natürlich schon längst einen Schritt weiter.
 
„Schönen Guten Morgen, Herr Hacker! Wir hatten ja neulich über die Vertonung mehrerer Schulungsfilme für unsere Mitarbeiter gesprochen und sie hatten schon einmal einen Teil eines Films als Beispiel produziert. Nun, wir haben uns entschlossen, das jetzt anzugehen. Allerdings möchten wir als Sprecher unseren neuen Empfangs-Praktikanten einsetzen. Der hat auch so eine tolle Stimme. Und kostet uns nichts, weil er eine Art Job-Maßnahme bei uns macht. Sagen Sie, Sie haben doch eigene Aufnahmemöglichkeiten … wäre es wohl möglich, dass er die Schulungsfilme bei Ihnen einspricht? Vielleicht könnten Sie ihm dann auch gleich den einen oder anderen Tipp bezüglich der Aussprache geben?“
 
„Gern. Es kostet dann allerdings das Doppelte der ursprünglich im Angebot aufgeführten Vergütung.“
 
„Wieso das denn? Sie werden dann doch gar nicht mehr als Sprecher tätig!“
 
„Richtig. Aber bei Fremdaufnahmen in meinem Studio gibt es eine Kaffee-Mindestabnahme. Und der kostet leider so einiges.“
 
„Davon habe ich ja noch nie gehört! Das finde ich jetzt sehr seltsam, muss ich sagen!“
 
„Guck an, da sind wir schon zwei …“

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Das Gender-Schlupfloch

„Hacker, schönen guten Tag. Sagen Sie, wir haben vor geraumer Zeit, lassen Sie mich lügen, ich glaube, es sind mittlerweile drei Monate, doch diese Abmachung getroffen: Sie beauftragen mich als exklusiven Sprecher für ihre Firmen-Imagevideos, die Werbespots, den Off-Kommentar in ihren Mitarbeiter-e-learning-Videos, und ich leihe meine Stimme im Gegenzug nicht ihrer Konkurrenz.

Jetzt habe ich bereits zwei Aufträge direkter Marktwettbewerber abgelehnt, von Ihnen aber noch immer keinen Laut bezüglich eines Sprecherjobs gehört, was ist denn da los?“

„Oh, Herr, äh, Hacker, schön, von Ihnen zu hören. Ich hoffe, es geht Ihnen gut, gesundheitlich alles in Ordnung und die Auftragslage prächtig.“

„Ja, letzteres ja nicht so ganz, da ich von Ihnen so gar nichts höre …“

„Wir haben zur Zeit leider gar nichts für Sie. Zwar gab es einigen Output unserer firmeneigenen Videoschmiede, aber da haben wir auf eine weibliche Stimme zurückgegriffen.“

„Moment mal, wir haben eine gegenseitige Exklusivitätsvereinbarung! Diese wird von Ihnen verletzt, wenn sie einfach so eine andere Sprecherin einsetzen!“

„Unsere Marketingabteilung meinte aber, eine weibliche Stimme sei verkaufsfördernder.“

„Nichtsdestotrotz ist das ein Bruch des Vertrags. Sie haben unterschrieben, dass Sie keinen anderen Sprecher einsetzen!“

„Ja aber, das ist doch eine Sprecherin, kein Sprecher. Wir würden natürlich nie einen anderen Sprecher hinzuziehen.“

„Sprecher oder Sprecherin macht keinen Unterschied – wir haben einen Vertrag. Den ich im Gegenzug streng einhalte!“

„Ja aber, die Sprecherin war auch um einiges günstiger als Sie! Und unsere Marketingabteilung hatte gerade erst die Budgets neu aufgestellt – da war nicht mehr so viel drin für die Vertonung.“

„Das Budget wird durch etwaige Rechtsstreitigkeiten noch ganz anders belastet, das können Sie mir mal glauben. Ich würde jetzt gern mit der Chefin sprechen, Frau XY, mit der ich damals den Vertrag ausgehandelt habe.“

„Frau XY ist im Mutterschutz und vorerst nicht mehr zuständig.“

„Na, super …“

„Ein Vorschlag zur Güte: Wir hätten da einen kleinen Point-of-Sale-Spot für einen Baumarkt. Der wäre doch was für Sie! Da ist eine männliche Stimme sowieso viel kundennäher …“

„Ach, auf einmal!“

„Ja, wir müssten nur noch einmal über den ursprünglichen Preis verhandeln. Der kommt uns im Nachhinein dann doch etwas happig vor …“

„Dick fich!“

„Wie bitte? Ich habe Sie jetzt, glaube ich, nicht richtig verstanden.“

„Ja, ich Sie auch nicht.“


Es bleibt schwierig.

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Korrekturphasen

 

Trotz sorgfältigster Prüfung des Produzierten unterlaufen selbst dem gewissenhaftesten freiberuflichen Sprecher natürlich auch einmal Fehler. Vom Kunden beispielsweise auf eine falsche Aussprache* im Off-Kommentar oder dem Voice Over hingewiesen, wird er dies aber ebenso bereitwillig wie zügig korrigieren.

Textänderungen sind jedoch keine Korrekturen, sondern Neuaufträge. Auch im Sinne des Zeitfaktors sollte die Lieferung eines endgültig freigegebenen Sprechertextes dem „work in progress“ vorgezogen werden. Überdies erspart sich der Kunde dann Diskussionen mit dem Freiberufler à la „Wie, das ist eine neue Produktion und ich muss noch einmal dafür bezahlen? Wir haben doch bloß einen neuen Text geliefert – das Thema bleibt doch das selbe!“

*(Nein nein, lieber bayerischer Auftraggeber, „zwanzich“ ist tatsächlich die korrekte Aussprache nach Standardlautung ihres mundartlichen „zwanzick“. Und das Wort „Kinesen“ gibt es so ebenfalls nicht – die richtige Form dieser Berufsbezeichnung im Bereich der Physik lautet „Kinetiker“.)