Nässe im Dunkel

2016. Das Jahr des dauerdüsteren Sommers, der für eine höhere Licht-Stromrechnung als der Winter sorgte. Dafür musste man die Angel nicht mehr so weit auswerfen – Scharen von Hering und Kabeljau zogen oft dicht am Wohnzimmerfenster vorbei. Und auch ein ganz besonderes Natur-Schauspiel nahm hier seinen Anfang: Die alljährliche Überwindung der Kellertreppen-Stromschnellen durch wandernde Lachsschwärme auf ihrem Weg zu den Laichgründen auf den umliegenden Sportplätzen.

Ruf. Mich. Nicht. An!

Zielorientierte Kommunikationsstrategien – oder: Wie, Feierabend?
 
IMAG1299_1Sonntagabend. EM 2016. Deutschland spielt gegen die Slowakei im Achtelfinale, die erste Halbzeit läuft, die Bundes-Elf hat gerade zum 1:0 eingenetzt. Plötzlich: Ein in diesem Zusammenhang vollkommen unpassendes Geräusch sägt in die Szenerie – ein Kunde ruft an und möchte gern en détail über einige Sprechvorgaben für einen Auftrag in der nächsten Woche reden. Lässt sich nur mit größter Mühe auf gerade noch grenzhöfliche Art und Weise abwürgen. Versteht nicht, warum das Telefonieren jetzt nicht möglich sei. Wäre doch zur Zeit so schön ruhig überall. Sein Vorgehen erscheint mir in mehrfacher Hinsicht von nahezu atemberaubender Ignoranz.
 
Eigentlich nur durch die Penetranz eines gewissen Vorsitzenden des „Kunstbureau Wilhelmsburg e.V.“ damals in den frühen Neunzigern zu toppen. Dieser rief in den noch telekommunikativ unmobilen Zeiten grundsätzlich am Freitagabend auf dem Festnetz an. Während die allwöchentliche Star Trek-Ausstrahlung im TV lief. Weil er da sicher sein konnte, mich zu Hause zu erreichen …

Sexismusdiskurs

Schöner Türstehen. Innerhalb der Vierergruppe – drei Typen, ein Mädel – vorm Clubeingang wird aufgeregt diskutiert. Nun, eigentlich diskutieren nur die Typen – die Frau steht außerhalb des Kreises, wird ignoriert, man dreht ihr den Rücken zu. „Warum geht ihr nicht rein? Könnt ihr euch über die weitere Abendplanung nicht einigen?“
„Ja, nee …“, sagt sie, “ die müssen noch was ausdiskutieren.“
„Was denn?“
„Na, ob das sexistisch war, mir Zigarettenasche vom T-Shirt auf den Brüsten wegzupusten.“
„Ach guck, die diskutieren über deine Würde, schließen dich davon aber aus … das finde ich eigentlich viel sexistischer.“
„Ich auch.“
„Und?“
„Und was?“
„Haste den Jungs das mal gesagt?“
„Hab ich.“
„Und?“
„Sie hören mir nicht zu.“
„Geh‘ doch einfach rein und mach dir nen schicken Abend.“
„Und die Jungs?“
„Die lasse ich nicht rein.“
„Echt?“
„Ja.“
„Cool! Metal heute oben oder unten?“
„Oben!“
„Cool, bis später.“
„Viel Spaß!“
„Danke!“
Manchmal ist’s einfach …

Born to be mild

HarleyAch guck, am Wochenende ist es wieder soweit: Sonnenbrandbedrohte Zahnwälte betagteren Semesters spielen sommerlichen Outlaw. Da sie vorwiegend auf us-amerikanischem Alteisen unterwegs sind, dessen Schräglagen-Freiheit strenggenommen nur im Geradeauslauf überzeugt, fahren sie dabei a. keine Kurven und b. nicht sehr weit.
Da die selbst gefahrene Strecke zumeist mangels Übung äußerst langsam bewältigt wird (die Motorräder werden für gewöhnlich auf Anhängern zum Zielort transportiert und per „Dreck- und Staub-Kit“ mit street credibility versehen), kippen sie am Wendepunkt häufig um. Das wird drollig, das schaue ich mir am Sonntag wieder gern an. 🙂

PS: Ich habe wieder Internet, wie ihr seht. Und: Die Leute von Willy Tel rufen persönlich an, sagen Bescheid, was kaputt war und warum es so lange gedauert hat, bitten um Entschuldigung und wünschen einen guten Tag. Finde ich gut.

Vorsprung durch Technik

Willy Tel. Der Internetzugang inklusive Telefon und allem ist seit fünf Uhr morgens tot. Zum Glück hatte ich den Großteil der eingesprochenen Audiofiles schon gestern Nacht um halb vier nach fertigem Schnitt an den Kunden abgeschickt. Die Techniker bei Willy Tel versichern mir: Der Fehler ist bekannt und in wenigen Momenten behoben. Sie versichern es mir seit heute morgen um sieben. Stündlich.
Der Kunde wartet auf die restlichen Off-Kommentare. Noch wäre aber Zeit. Wie er mir halbstündig versichert.
Wie in der Freiberuflerbranche üblich, wird mir der Kunde am Ende sagen: „Technische Probleme sind höhere Gewalt, da kann man nichts machen.“ Und sich für den nächsten Auftrag einen anderen suchen. Der zudem für weniger Geld arbeitet – wie in der Sprecherbranche üblich.
Es lebt sich spannend und wird nie langweilig im Digitalen Sozialdarwinismus.

Ein Ende mit dem Telefon-Anbieter-Generve

Schluss mit o2

Mir reicht das jetzt mit den unfreiwillig dazugebuchten Soundeffekten bei o2. Diese ständige Rauschen und Knacksen, die Lautstärkeschwankungen und unvermittelten Verbindungsabbrüche. Der Gesprächsteilnehmer, der zwischendurch klingt wie ein Alien, das aus der Kanalisation nach Hause zu telefonieren versucht …

Die Zeitgenossen vor Alexander Graham Bells Erfindung wären vermutlich begeistert gewesen, ohne zu schreien über eine Distanz von mehr als einhundert Metern kommunizieren zu können, aber bitte, liebe Leute, wir haben 2016 und ich möchte mich nicht nach jedem Telefonat schweißgebadet vor Anstrengung erschöpft das Handy fallen und auf den Boden sinken sehen. Das ist doch nicht zeitgemäß, das kann doch nicht der Stand der Technik sein.

Ich habe auch keine Lust mehr, mir von euren schwer zu erreichenden Telefonjokern seit der Verwendung von drei Smartphones unterschiedlicher Bauart erläutern zu lassen, dass selbstverständlich auf eurer Seite keinerlei Fehler vorliegt und alles super ist.

Es hilft nichts: wir müssen unsere langjährige Beziehung beenden, denn sie ist zerrüttet. Und ich versuche jetzt mein Glück mit anderen Anbietern.

Der Laden muss aber hier sein!

Schöner Türstehen. Der Beinahe-Gast irrt verzweifelten Blickes aufs Handy über den Hamburger Berg. Kein Empfang. Wahrscheinlich versehentlich bei o2 eingeloggt. „Sag mal, wo’s denn die „Goldmarie“?“
„In der Talstraße.“
„Ja nee, die muss hier irgendwo auf’m Berg sein. Sagt mein Kumpel.“
„Die ist in der Talstraße. Gleich hier um die Ecke.“
„Aber mein Kumpel sagte vorhin …“
„Hör mal, ich arbeite hier schon ne Weile auf dem Kiez. Ich weiß meistens, wo die Läden sind. Und die „Goldmarie“ ist in der Talstraße.“
„Aber ich bin doch mit meinem Kumpel verabredet.“
„Was hat das mit dem Standort der „Goldmarie“ …“
„Der wohnt schon fast n Jahr hier und der sagt, der Laden sei auf dem Hamburger Berg.“
„Wo kommt ihr eigentlich ursprünglich her?“
„Paderborn, wieso?“
„Ah, ich beginne, die Umrisse des Problems zu verstehen.“
„Hä, versteh“ ich nich‘!“
„Das macht nichts. Viel Glück beim Finden deines Clubs. Guck‘ am besten auch mal hinter die Kneipenschilder auf dem Berg, vielleicht haben böse Menschen den Namen einfach drübergehängt.“
„Echt?“
„Alles schon vorgekommen.“

Es bleibt schwierig …