Rock’n’Roll Overkill – Vol. 7

RROKRock’n’Roll Overkill
Lesung mit Türsteher, Tätowiererin, Rock Sänger und Kiez-DJ

Was bekommt man, wenn man einen DJ, eine Tätowiererin, einen Türsteher und den Sänger einer Rockband auf eine Bühne packt, um Geschichten vorzulesen? Viel viel Rock ’n‘ Roll, viele Geschichten aus der bösen Welt mit Sex, Drugs und Musik…?

Natürlich nicht. Zumindestens nicht nur.

Auch Kiezmenschen leben ein mehr oder weniger normales Leben, essen Müsli und trinken auch mal Kakao. Aber natürlich sind ihre Geschichten durchdrungen von einer Welt, die wir vielleicht nur von halb geflüsterten Erzählungen kennen…

Diese Lesung wird Vieles sein: Ein Blick hinter die Kulissen, ein Blick hinter die Fassaden, ein Blick in die Seelen Geschundener… neee, übertreiben wollen wir es auch nicht. Diese Lesung soll und wird vor allem eines sein: Unterhaltsam und trotzdem mit Tiefgang.

Viktor Hacker: Sprecher, Türsteher und Autor („Zeit für Zorn“ etc.)
Jan Turner: DJ, Autor („Paranoia City“ etc.)
Liz Vegas: Tätowiererin, Model, Autorin
Lesley Farfisa: Musiker, Autor (Der Fall Böse)

Buchpräsentation, Ausstellung, Bühnenshows

 

Flyer117aEinladung

Ein Freund von mir – Frank Müller – veröffentlicht gerade seinen neuen Bildband mit faszinierenden Bildern aus Myanmar. Er bereist das Land schon seit vielen Jahren und hat einen ganz speziellen Blick auf die Landschaft und die Menschen. Die er im Übrigen mittlerweile sehr gut kennt.
Rund um die Ausstellung und die Buchpräsentation herum hat er in akribischer Detailarbeit jede Menge interessante Aktionen organisiert. Unter anderem zwei Bühnenshows, während derer ich auch die Bühne entern darf. Zusammen mit Sabrina Schauer (am Freitag, 06.05. und am Samstag, 07.05., jeweils 20 Uhr) und Armin Sengbusch (am Samstag, 07.05., 20 Uhr).

Ort: Pop-up Raum, Grindelallee 117, Hamburg.

Kommt ‚rum, das wird deftig!

Slamtext zum Thema „SEX“

Sexspielchen – oder: Wie Kabanossi einmal wegen eines wirklich wertvollen Rats davonlief

Morgens um sieben im weitestgehend unbevölkerten Fitnessland. Zwei „early birds“ so um die Dreißig quietschen im mittleren Tempo auf zwei „Steppern“ so vor sich hin. Es sind die Herren Daniel-Legolas Trockenbrodt, der vor allem seinen zweiten Vornamen hasst und darauf besteht, ausschließlich „Danny“ genannt zu werden. Und sein bester Kumpel Jannis Pastapodopeles – kurz: Kabanossi, der nie um einen gutgemeinten Rat verlegen ist. Die Freunde treffen sich hier oft zum gemeinsamen Workout und um über alles Mögliche zu reden.

„Das kannste ja bis ins hohe Alter machen, nä.“
„Was?“
„Na, Cardiotraining.“
„Achso.“
„Aber echt mal. Vom Stepper auf den Treppenlift – ein vollautomatisches Leben im Zeichen der Fitness, hähä …“
„Hm.“
„Danny, was ist denn los, sag‘ mal? Diese Einsilbigkeit sieht dir gar nicht ähnlich.“
„Tja.“
„Ist irgendwas los? Stress im Job? Pech in der Liebe?“
„Ach, Stress ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Eher so nervöse Erwartung. Ich habe dich doch neulich um Rat gefragt wegen dieser Rothaarigen …“
„Rothaarig? Ich dachte, die sei blond?“
„Ja nee, das war die andere.“
„Ach, schon wieder ne Neue! Was ist denn aus der Blonden geworden?“
„Mannomann, erinnere mich bloß nicht. Da hast du mir ja einen richtigen Bärendienst erwiesen, Kabanossi!“
„Wieso? Was war denn an dem Rat, „Höflichkeit öffnet Türen“, verkehrt?“
„Genaugenommen hast du gesagt, „Wer vögeln will, muss freundlich sein!“.“
„Ja, und? Daran ist doch nichts Falsches!“
„Das sagst du! Ich war nicht nur freundlich, ich war richtig höflich. Ohne Ende. Du weißt ja, sie ist meine Arbeitskollegin. Und ich habe richtig Gas gegeben: Ihr abends im Büro in die Jacke geholfen, ihr die Türen geöffnet, auf der Treppe voraus gegangen, die Tiefgaragentür aufgemacht, sie zum Auto begleitet …“
„Oh, oh – ich ahne schon, worauf das hinausläuft …“
„Ja, warte – morgens dann das ganze Prozedere in der umgekehrten Reihenfolge. Ein Gesamtpaket höflicher Freundlichkeit, nä.“
„Ich weiß ja nich …“
„Eben. Jetzt habe ich ne Anzeige wegen Stalkings am Hals und muss einen Abstand von 50 Metern einhalten. Außer am Kopierer – da darf ich mich ihr bis auf fünf Meter nähern. In der Chefetage wird schon über meine Versetzung nachgedacht. In unsere Zweigstelle nach Pinneberg …“
„Oh, scheiße!“
„Das sagst du was.“
„Und wer ist jetzt diese Rothaarige?“
„Oh, da habe ich einen anderen Tipp von dir gestern ausprobiert.“
„Äh, ok … welchen?“
„Na, den, dass man immer man selbst bleiben muss, nicht lügen darf und seine Fantasien aussprechen soll.“
„Also, das mit den Fantasien ist jetzt streng genommen nicht von mir.“
„Ja, ich weiß, du sagtest, „man müsse immer man selbst sein und soll nicht lügen. Wenn man aber seine Fantasien nicht ausspricht, dann verschweigt man doch was. Das ist dasselbe wie lügen!“
„Ja, äh, ja nee …“
„Ja doch! Und deswegen habe ich die Rothaarige gestern bei unserem zweiten Date gefragt, was sie denn davon hielte, wenn wir uns gegenseitig unsere Fantasien aussprechen und auch umsetzen würden. Sie fand die Idee zunächst gar nicht so schlecht, meinte, ihre Fantasie hätte etwas mit einem rosa Wasserbett zu tun, bedürfe aber einer gewissen Vorbereitung wegen der Schwimmkerzen und der Frischhaltefolie … na, da habe ich dann später, als wir mittendrin waren, ihr erstmal meinen Wunsch präsentiert.“
„Öhm, ich bin mir jetzt nicht so ganz sicher ob ich den wirklich hören möchte …“
„Quatsch, das ist ganz harmlos! Ich habe ihr gesagt, dass ich schon immer davon geträumt hätte, wilden Sex mit Scarlett Johansson zu haben. Und zauberte dann auch gleich – tataaa – eine passende Gummimaske hervor. Aber aus irgendeinem Grund war sie dann irritiert …“
„Das is ja komisch … oh, Mann …“
„Sie setzte sie aber dann mit den Worten auf, ihr sei ja eigentlich kaum eine Perversion fremd, aber das hier wäre so lächerlich, dass könne man eigentlich schon als Sub-Dom-Spiel im Manga-Bereich verbuchen.“
„Manga? Hä …“
„Ja, du weißt schon: Frauen, die sich als Schulmädchen verkleiden und Sex mit Männern haben, die sich als Dämonen maskieren. Das ist lustig.“
„Lustig … hm, hm … und mit so Tentakeln und so, nä?“
„Ja nee, Tentakel, das ist Hentai. Das ist für Perverse.“
„Ach echt …“
„Ja, aber lustig pervers. Da gibt’s zum Beispiel so Frauen, denen plötzlich Schwänze wachsen …“
„Futanari.“
„Nee, mit Sushi hat das nix zu tun.“
„Wieso Sushi? Wir sprachen doch eben von Frauen, denen Schwänze wachsen … Futanari heißt Hermaphroditismus und …“
„War ja klar, dass du jetzt wieder mit irgendeinem deiner griechischen Götter kommst …“
„Ja, nee, Hermaphroditen haben doch nichts mit …“
„Ist schon klar, der kleine, nervige Bruder von Aphrodite. Lassen wir das jetzt bitte mal. So. Um zur Maskennummer zurückzukommen – das war echt lustig. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes – guck, Miss Johansson hat doch diese lange, prägnante Nase, so einen richtigen Gesichtserker, nä. Die war bei der Maske ziemlich, ähm, hervorstechend und wegen des zerknüllten Transports – ich musste sie ja irgendwie in meinen Klamotten verstecken – leicht zerdrückt. Die Nase hatte einen Knick und wackelte beim Vögeln. Ich musste ganz furchtbar lachen. Konnte nicht mehr aufhören …“
„Oh Gott …“
„Ja nee, das war gar nicht so schlimm, weil Iwana – so heißt sie – das ziemlich witzig fand und auf eine Idee kam: bei unserem nächsten Treffen soll ich mich verkleiden.“
„Ich möchte das nicht hören …“
„Als Pinocchio und sie will sich dann draufsetzen …“
„Du, ich muss jetzt los, Training ist fertig, ich, äh, ich muss jetzt ganz schnell duschen und so!“
„Wegen der Nase …“
„Kannst du nicht einfach mal die Schnauze halten? Alter! Diese Bilder kriege ich nie wieder aus dem Kopf …“
„Ach, von der Frischhaltefolie und dem rosa Wasserbett muss ich dir auch noch berichten, das ist nämlich so …“
„Nee, nee, nee! Ich muss weg und unbedingt lernen, die Fresse zu halten. Keine Tipps mehr! Danke, Alter, echt: Danke! Oh Gott, ein Manga-Pinocchio in Frischhaltefolie der im rosa Wasserbett schaukelt … Können die Leute nicht einfach nur vögeln?“

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Ausspracheberatung seitens Firmeninhaber

Lieber Agenturbesitzer, ich weiß, beratungsresistente Freiberufler wie ich können zum „pain in the ass“ werden. Ich habe Sie ja bereits mit meiner Weigerung, „ckemische Prozesse“ ins Mikro zu sprechen, leidlich geprüft, aber nun muss ich Ihnen bedauerlicherweise erneut abschlägig entgegentreten.

Die ihrerseits vorgeschlagene Variante „schemische Prozesse“ wird mir ebenfalls nicht im beruflichen Zusammenhang über die Lippen kommen.

Als erzkonservativer Traditionalist halte ich hartnäckig an der Standardlautung „chemische Prozesse“ fest. Ich möchte nicht „bayerisch“, „hessisch oder „nordniederdeutsch“ reden, sofern kein zwingender Dialektzusammenhang besteht.

Ich bitte diesbezüglich um Verständnis. Denn meine Stimme transportiert nicht nur den Inhalt, sondern auch die Form. Sie bauen die Rechtschreibfehler in Ihren e-mails ja auch nicht absichtlich ein und setzen dann Ihren Namen darunter …

Türstehen – oder: Wieso versteht mich eigentlich keiner?

Meist wird ja vermutet, dass die Nachtschicht eines Türstehers in der Regel durch folgende Routinetätigkeiten bestimmt wird: dem willkürlichen Abweisen von Leuten an der Clubtür, dem Verkauf gepantschter Drogen auf der Personaltoilette sowie samstagnachts dem Bedrängen minderjähriger weiblicher Gäste in unaufgeräumten Getränkelagern. Nun, entgegen der seriösen Berichterstattung des deutschen Privatfernsehens sieht die Jobpraxis doch etwas anders aus: der Türmann führt während des wochenendlichen Partygeschehens ungezählte Dialoge mit verhaltensoriginellen, feierwilligen Gästen. Und kommt dabei nicht selten an die Grenzen menschlicher Selbstbeherrschung … vor allem, weil er sich dabei immer wieder fragt: „Wieso versteht mich eigentlich keiner?“

Beispiel „Fremdgetränk“ – oder politisch korrekt: Getränk mit Migrationshintergrund. Also jede, wie auch immer geartete Flüssigkeit, die zum menschlichen Verzehr ohne gesundheitliche Beeinträchtigung geeignet ist, woanders gekauft wurde und sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet. Völlig überraschend darf diese niemals und nirgendwo in einen Club mit hineingenommen werden.

Nun, man könnte vermuten, dass ein einfacher Hinweis auf die illegale Natur des mitgebrachten Drinks genügen müsste, um hier Abhilfe zu schaffen. Jedoch: der Kiezgast an sich neigt zur Beratungsresistenz.

Deshalb versucht man es als Türmann gern mit einem Gleichnis. Um beim Gast ein Verständnis für die Situation zu schaffen.

„Dein Getränk musst du aber draußen lassen.“
„Wieso?“
„Na, du nimmst doch sicher nicht dein eigenes Essen mit ins Restaurant, oder?“
„Warum? Ich kauf hier doch gleich n neues Bier!“
„Du bringst also deine eigenen Spaghetti mit zum Lieblingsitaliener, sagst ihm dann aber, dass du trotzdem auf seine Soße zurückgreifen wirst, oder was?“
„Hä? Was für ein Italiener? Und ich hab doch gar keine Nudeln!“
„Das war ein Gleichnis! Ich habe beabsichtigt, dich mit einem humorvollen Vergleich auf den richtigen Weg zu bringen …“
„Was für’n Weg? Ich bin doch schon hier. Aber, sach mal, ihr habt jetzt auch was zu essen? Dann hätte ich gern eine Pizza.“
„Lass einfach dein Fremdgetränk draußen!“
„Mit Salami, Zwiebeln und Pilzen wäre super.“
„Willst du oder kannst du mich nicht verstehen?“

Und da kommt dann auch schon der nächste Intensiv-Patient:
„Öffnest du bitte mal deinen Rucksack?“
„Klar, hier: Sind Waffen und Drogen drin, hihihi …“
„Fremdgetränke dabei?“
„Hihihi, nein.“
„Is‘ ok, kannst rein.“
Haha, letzte Woche bin ich ja hier rausgeflogen, weil ich ne Glasflasche in der Hose hatte …“
„Und? Dieses Mal auch?“
„Nee, nee – ich hab’s ja verstanden. Nee, die ist aus Plastik!“

Aber selbst in dem Fall, dass der Gast diese Fremdgetränk-Sache begriffen hat und seine Drinks ganz manierlich im Club erwirbt, gibt es zumeist jede Menge Gelegenheit sich gegenseitig nicht zu verstehen. Etwa bei der Sache mit den „gewissen Örtlichkeiten“ und unpassender Ironie des Türmannes bei der Infovergabe …

„Sach ma, ihr habt hier keine Klos, nä?“
„Selbstverständlich haben wir hier Toiletten. Wir sind ein gastronomischer Betrieb. Zur Erteilung einer Schanklizenz sind funktionierende WCs unbedingt vonnöten. Fürs Personal und für die Gäste. Getrennt nach Geschlechtern. Eines für die Frauen. Eines für die Männer. Ganz moderne Gastronomiebetriebe haben sogar eines für das dritte, unbestimmte Geschlecht, so Transvestiten, Crossdresser, Dragkings und so. Und wir als Club haben natürlich auch Toiletten. Nur befinden die sich eben nicht hier im Gebäude, sondern da drüben in der Bar auf der anderen Straßenseite …“
Mit einem „Ach so!“ marschiert der Gast los in die angedeutete Richtung …

Der nächste Pinkelgast baut sich vor mir auf, starrt mich an.
Er: „Toilette?“
Ich: „Türmann“
Er: „Toilette!“
Ich: „Türmann!“
Er: „Ey, Toilette!?“
Ich: „Nein, Türmann …“
Dann ging er wieder. Kopfschüttelnd. Habe zwar keinen blassen Schimmer, was der Gast mit seinem ständig wiederholten Wort bezweckte, aber ich antwortete geduldig und wahrheitsgemäß. Auch, wenn er’s nicht verstand.

Vielleicht ist es aber auch gar nicht so wichtig, dass immer alle alles begreifen. Womöglich schadet es nicht, wenn manche Dinge im Dunkeln bleiben. Vor allem beim Feiern auf dem Kiez, wenn sich die Menschen morgens um fünf endgültig gegenseitig schön getrunken haben und sich die Party so langsam in die Kurve zur Reste-Rampe legt. Jetzt hilft meist nur noch ein ebenso herzhaftes wie erleichtertes „Ich versteh’s einfach nicht!“ und für den Rest gibt es zum Glück den Türmann: der hat eine lichtstarke Taschenlampe für den Durchblick und schafft Klarheit auf ernüchternde Art.

Klangreiche Nachbarschaft

Schöner Türstehen. Nahezu jeder Club, jede Kneipe, jedes Cafe kennt ihn: Den Ruhesuchenden. Kein bisschen von der mangelnden Konkurrenz bei der Wohnungsbesichtigung irritiert, unterschreibt er frohgemut den Mietvertrag für die herrliche Altbauwohnung im Szene- und Partyviertel. Stundenlang streicht er mit den Händen über den edlen, so heute gar nicht mehr herstellbaren Mahagoni-Schiffsplanken-Parkettfußboden, schwärmt über die enorme Wandhöhe und den zauberhaften Stuck in den großzügig dimensionierten, luftigen Wohnräumen. Hellauf begeistert vom pulsierenden Leben in den Cafés und Bars der näheren Umgebung genießt er bei einem leckeren Latte-Macchiato die Vorfreude auf die Erkundung des kulturellen Geschehens in seiner Nachbarschaft – was für wunderbare Abende wird er hier mit Freunden verbringen können. Und alles direkt vor der Tür. Ohne lange Anreise mit Bus oder Bahn oder nervtötender, stundenlanger Parkplatz-Suche erreichbar. Das Leben der Mittelschicht ist schön.

Die Sache hat indes diesen einen Haken, wie er schon bald bemerken wird: Die anderen Bewohner und Gäste des Viertels hören nicht auf, zu feiern, zu lachen, zu reden und zu trinken, wenn er sein Bett aufsucht … Nun, etwas mit den Sinnen wahrzunehmen, heißt noch lange nicht, es auch mit dem Verstand fassen zu können – dazwischen hat die Natur bei uns Menschen den Mechanismus des Verdrängens gesetzt, der es uns ermöglicht, die Welt ganz frei von den Zwängen der Logik zu sehen. So auch unser Neumieter: entschlossen, seine Nachtruhe nicht vom Partygeschehen um, unter und neben sich einschränken zu lassen, ruft er fortan jeden Tag, jedes Wochenende die Polizei. Erstellt Anzeige gegen die rücksichtslosen Inhaber dieser nicht auszuhaltend lärmenden Etablissements. Jeder Club kennt so einen … wird er auch diese Nacht die Party in der Bar unter seiner Wohnung beenden? Der Türmann steht schon an seinem Arbeitsplatz. Ein Kollege sagt noch schnell „Guten Tag“, bevor er sich an seine eigene Tür begibt:

„Moin! Alles gut bei euch?“
„Jo. Alles friedlich soweit. ’n paar Engländer da, die sich ab und an ausziehen, aber sonst alles top.“
„Was ist mit eurem Nachbarn? Hab‘ gehört, der hat euch neulich wieder wegen Ruhestörung angezeigt?“
„Ach, gut, dass du das erwähnst – ich muss gleich noch mal bei ihm klingeln?“
„Bei ihm klingeln? Warum?“
„Na, um zu fragen, ob wir jetzt leise genug sind. Oder vielleicht doch besser noch etwas weiter runterdrehen sollen. Und ob die Gäste auch nicht zu laut lachen.“
Der Türmann betätigt den Klingelknopf. Ein quäkendes, ebenso durchdringendes wie anhaltendes Summen ertönt. Der Türmann nimmt eine entspannte Haltung ein, belässt den Finger auf dem Mechanismus.
„Wie oft machst du das?“
„Och, so alle halbe Stunde. Muss ja sicher gehen, dass bei ihm alles in Ordnung ist. Schließlich sind wir ja alle an einer guten Nachbarschaft interessiert, nä. Deswegen mache ich das auch jede Nacht, wenn ich hier Dienst habe.“
„Ihr habt von Donnerstag bis Samstag geöffnet, oder? Was ist mit den anderen Tagen?“
„Wir haben da so einen Deal mit den Obdachlosen unten an der Ecke. Die bekommen was Ordentliches zu trinken, dürfen sich zwischendurch bei schlechtem Wetter in unserem Laden aufwärmen und der Chef ordert regelmäßig Pizza für die Jungs. Die kümmern sich im Gegenzug um unseren Nachbarn. Machen die sehr gewissenhaft, sehen das wohl auch ganz sportlich, seit der Vogel sie kurz nach seinem Einzug per Platzverweis seitens der Polizei vertreiben wollte …“
„Was machst’n, wenn er seine Klingel ausschaltet?“
„Kann er nich. Der Hausmeister, ’n alter Militärkollege von mir, hat die Signalanlage so umgebaut, dass sie nicht deaktiviert werden kann.“
„Feine Sache. Na, ich muss los – Schicht fängt gleich an … wir haben da ja auch so einen Ruhenzonen-Bewohner überm Laden. Der behauptet ja immer, dass wir bei uns im Laden nichts gegen die Raucher unternähmen. Zeigt uns immer deswegen an. Sagt, dass wir uns unsere Schankgenehmigung bald an die Backe schmieren können. Wollte ja längst mal mit dem „reden“, aber unser Chef will das nicht. Er meint, wir können hier nicht wie in alten Kiez-Tagen reagieren; die Zeiten wären vorbei. Wenn ich jetzt so überlege … der hat, glaube ich, „Hells Bells“ von AC/DC als Türklingel-Ton … ich denke, da lässt sich was machen … Ruhige Schicht, mein Lieber!“
„Jo, ruhige Schicht, Kollege – ach guck, ich könnte ja auch mal wieder auf’s Knöpfchen drücken. So rein aus Nachbarschaftspflege, nä. Oder ihm ne Pizza bestellen …“

Sarkasmuskrampf dank Fremdgetränk

Bei dem aus meiner Sicht doch recht einfachen Prinzip des Fremdgetränks scheint es sich in Wahrheit um eine höchst geheimnisvolle oder komplizierte Geschichte zu handeln. Anders könnte ich es mir sonst nicht erklären, warum ich jedes Wochenende in meiner Eigenschaft als Türsteher dutzendfach erläutern muss, worum es sich dabei wohl handeln möge und weshalb der just vor mir stehende, empörte Gast selbiges nicht mit in die Bar nehmen darf …

Was genau ist ein Fremdgetränk? Nun, ich möchte das einmal an einem Beispiel verdeutlichen: Ein Gast marschiert mit einem 1-Liter-Tetrapack Aldi-Rotwein in der Hand fröhlich durch den Clubeingang nach drinnen. Man hält ihn auf:

Hey, was hast du denn vor?“

Wieso? Ich will da rein!“

Und was soll das mit dem Fremdgetränk da in deiner Hand?“

Welches Fremdgetränk?“

Na, der Tetrapack da, mit dem zweifelhaften Inhalt!“

Oh, das ist kein Fremdgetränk, das habe ich bei euch gekauft …“

Nun, jetzt wird es natürlich ein klein wenig haarig. Aus meiner nunmehr reichlich langjährigen Kneipenerfahrung kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass ich noch nie, noch niemals, mein Geld auf einen Tresen gelegt und dafür im Gegenzug ein Tetrapack mit welchem Inhalt auch immer ausgehändigt bekommen habe. Ich möchte sogar soweit gehen zu behaupten, dass es nirgendwo in unserem schönen Land je zu einer solchen Tauschaktion gekommen ist. Prinzipiell nicht. Ein weiterer Verdachtsmoment, dass es sich bei dem ominösen Getränkegebinde um einen clubfremden Drink handeln könnte, ergibt sich aus dem auf der Verpackung angegebenen Inhalt: „1A-ungarischer Gewürztraminer“ … „Leute, so etwas Gutes verkaufen wir hier garantiert nicht. Auf dem Hamburger Berg bedienen wir ein Publikum, dass vorwiegend aus Pinneberger Touris und schwäbischen Studenten besteht – hier wird der Rotwein in Eimern mit Schläuchen und Trichtern kredenzt und die Club-Mate mit drei Trinkhalmen für die Kommilitonen!“

Der nächste Spaßvogel hat in seinem Rucksack ein ganzes Sammelsurium ungeöffneter Bierdosen – mit den Worten, „nein, ist es nicht“, komme ich seinem Einwand, „das ist von euch“, zuvor. Er blinzelt verwirrt ob meiner Gedankenleserei, bleibt aber im Eingang stehen, um offensichtlich in aller Seelenruhe eine nach der anderen laut schlürfend auszutrinken, während alle anderen Gäste hinter ihm Schlange stehen müssen.

Kleiner Zwischenstopp mit einem grundsätzlichen Hinweis: jede, wie auch immer geartete Flüssigkeit, die zum menschlichen Verzehr geeignet ist, sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet und nicht in der Location hinter dem Türmann erworben wurde, ist ein Fremdgetränk und darf nicht, ich betone, darf niemals und nirgendwo mit hinein genommen werden. „Ok, hast du irgendwelche Getränke dabei?“, „Nein, natürlich nicht!“, „Darf ich deine Tasche mal anfassen?“, „Hier, bitte“, „Nimmst du bitte die Flasche heraus und stellst sie da vorne hin?“, „Aber, das ist doch nur Wasser … Aber, die ist doch aus Plastik!“

Nächster Gast: „Hast du nicht irgendetwas vergessen?“, „Wieso, was denn?“, „Zum Beispiel die große Flasche, die du eben noch schnell innen in deinen Ärmel geschoben hast?“, „Ach, die!“, „Stell sie da vorne in den Eingang.“, „Darf ich die nicht mitnehmen?“, „Nein, natürlich nicht!“, „Warum denn nicht? Ihr habt doch kein BoomBoomGalore! Und das ist doch der neue Szenedrink, den muss man jetzt trinken!“, „Dann geh bitte dorthin, wo man dein grauenvolles Geschlabber verkauft.“, „Ich will aber hier rein!“, „Dann stell deine Flasche da vorne hin.“, „Darf ich die echt nicht mit reinnehmen?“, „Neien!“, „Oh Mann, ihr seid so anstrengend. Ist es denn in Ordnung, wenn ich die hier draußen austrinke?“, „Du kannst damit alles Mögliche machen, nur eben nicht mit rein nehmen.“, „Ok, dann stelle ich sie hier hin, gehe rein und trinke dann immer hier draußen.“, „Kannst du gerne so machen, nur, spätestens beim zweiten Mal lasse ich dich dann nicht mehr in den Club.“, „Wieso das denn nicht?!“, „Hey, wie stellst du dir das vor, das wäre doch genau dasselbe, als würdest du dein Fremdgetränk hineinschmuggeln. In beiden Fällen konsumierst du hier nichts!“, „Aber, guck mal, dafür gehe ich doch die ganze Nacht bei euch auf’s Klo!“!“

Die prinzipielle Konfrontation „Gast versus Türmann“ in punkto Fremdgetränk gipfelt aber für mich immer in einer ganz speziellen Entgegnung.

Halt! Wo willst du denn mit diesem komischen Becher hin?“, „Wieso?“, „Der ist nicht von uns, der bleibt draußen!“, „Bist du sicher?“, „Selbstverständlich bin ich sicher. Erstens: komm mir nicht komisch und Zweitens: Wir haben ganz bestimmt kein Bier der Marke „Beckenbauers Brezelbräu!“, „Das habe ich nebenan gekauft. Wieso darf ich den Becher dann nicht hier mit hinein nehmen? Ihr gehört doch sowieso alle zusammen!“

Ich weiß wirklich nicht, woher diese seltsame Überzeugung – alle Kiezgastronomien wären irgendwie eine große Gemeinschaft – eigentlich stammt. Allerdings muss ich mir diese mit größter Inbrunst geäußerte Vermutung sehr häufig anhören. Wie stellen sich Kiezbesucher das eigentlich vor? Nach dem Prinzip, alle Clubs, Discos und Kneipen schmeißen morgens nach der großen Party ihre Einnahmen während einer konspirativen Kellersitzung in einen gewaltigen Topf und dann wird alles mit Hilfe einer komplexen mathematischen Formel über die Quadratmeterzahl der jeweiligen Schankflächen anteilig abgerechnet? Wahrscheinlich ertönt dort dann in der Gästefantasie auch ein fortwährendes, piratenartiges „Harr-Harr“-Gelächter, denn der Rotlichtbezirk wird ja wie allgemein bekannt durchweg von gefährlichen Gangstern bevölkert! Ich darf da gar nicht drüber nachdenken, sonst bekomme ich noch einen Sarkasmuskrampf.

Früher habe ich mich meist dazu hinreißen lassen, Gästen mit Fremdgetränken zu erläutern, dass wir entgegen anderslautender Gerüchte nicht von der Stadt subventionierte Unterhaltungsbetriebe seien, sondern tatsächlich sämtliche Kosten, Mieten und Löhne über den Verkauf von Getränken finanzierten und das Einschmuggeln von fremden Drinks tatsächlich uns Stück für Stück ruinieren würde und wir früher oder später schließen müssten. Das war früher. Mittlerweile formuliere ich es so, dass alle Gäste es auch um vier Uhr nachts noch verstehen und akzeptieren können:

Wieso darf ich mein Getränk nicht mit reinnehmen?

Weil das scheiße schmeckt!

Oh, ach so! Ok, das sehe ich ein …

Und langsam löst sich mein Sarkasmuskrampf wieder und ich kann gelockert den Rest der Türschicht angehen.