Die Abenteuer des Alltags

Heute: Nachhaltige Nachbarn

Das ältere Ehepaar aus dem Stockwerk über mir lebt sehr energiebewusst. Erst neulich berichteten sie mir im Treppenhaus ganz stolz von ihrem neuen Fernsehgerät, dass sowohl über eine ordentliche Bilddiagonale – der Nachrichtenmann stünde quasi im Maßstab 1:1 bei ihnen in der Wohnstube -, als auch eine sogenannte „Soundbar“ verfüge.

Diese Leiste aus mehreren Brüllwürfeln unterhalb des Moderators in Lebensgröße diene zur eindrucksvoll verstärkten Abstrahlung verschiedener akustischer Frequenzen in den Zuschauerraum. Nun könnten sie dank dieses raffinierten Apparates jeden Abend ganz wunderbar Strom sparen, indem sie die Akkus ihrer Hörgeräte herausnähmen und für die Nutzung während des Tages schonten.

Die enthusiastischen Erläuterungen vor der Reihe von Briefkästen mit Anti-Werbungs-Aufklebern dauerten noch an, doch ich bereitete mich schon einmal seelisch auf einen weiteren Passiv-Fernsehabend mit dem großen Fest der Volksmusik vor.

Die Sause würde lang werden, denn beide neigten – wie sie jederzeit freimütig von sich aus zugaben – dazu, für gewöhnlich vor dem TV-Gerät einzuschlummern …

Klangreiche Nachbarschaft

Schöner Türstehen. Nahezu jeder Club, jede Kneipe, jedes Cafe kennt ihn: Den Ruhesuchenden. Kein bisschen von der mangelnden Konkurrenz bei der Wohnungsbesichtigung irritiert, unterschreibt er frohgemut den Mietvertrag für die herrliche Altbauwohnung im Szene- und Partyviertel. Stundenlang streicht er mit den Händen über den edlen, so heute gar nicht mehr herstellbaren Mahagoni-Schiffsplanken-Parkettfußboden, schwärmt über die enorme Wandhöhe und den zauberhaften Stuck in den großzügig dimensionierten, luftigen Wohnräumen. Hellauf begeistert vom pulsierenden Leben in den Cafés und Bars der näheren Umgebung genießt er bei einem leckeren Latte-Macchiato die Vorfreude auf die Erkundung des kulturellen Geschehens in seiner Nachbarschaft – was für wunderbare Abende wird er hier mit Freunden verbringen können. Und alles direkt vor der Tür. Ohne lange Anreise mit Bus oder Bahn oder nervtötender, stundenlanger Parkplatz-Suche erreichbar. Das Leben der Mittelschicht ist schön.

Die Sache hat indes diesen einen Haken, wie er schon bald bemerken wird: Die anderen Bewohner und Gäste des Viertels hören nicht auf, zu feiern, zu lachen, zu reden und zu trinken, wenn er sein Bett aufsucht … Nun, etwas mit den Sinnen wahrzunehmen, heißt noch lange nicht, es auch mit dem Verstand fassen zu können – dazwischen hat die Natur bei uns Menschen den Mechanismus des Verdrängens gesetzt, der es uns ermöglicht, die Welt ganz frei von den Zwängen der Logik zu sehen. So auch unser Neumieter: entschlossen, seine Nachtruhe nicht vom Partygeschehen um, unter und neben sich einschränken zu lassen, ruft er fortan jeden Tag, jedes Wochenende die Polizei. Erstellt Anzeige gegen die rücksichtslosen Inhaber dieser nicht auszuhaltend lärmenden Etablissements. Jeder Club kennt so einen … wird er auch diese Nacht die Party in der Bar unter seiner Wohnung beenden? Der Türmann steht schon an seinem Arbeitsplatz. Ein Kollege sagt noch schnell „Guten Tag“, bevor er sich an seine eigene Tür begibt:

„Moin! Alles gut bei euch?“
„Jo. Alles friedlich soweit. ’n paar Engländer da, die sich ab und an ausziehen, aber sonst alles top.“
„Was ist mit eurem Nachbarn? Hab‘ gehört, der hat euch neulich wieder wegen Ruhestörung angezeigt?“
„Ach, gut, dass du das erwähnst – ich muss gleich noch mal bei ihm klingeln?“
„Bei ihm klingeln? Warum?“
„Na, um zu fragen, ob wir jetzt leise genug sind. Oder vielleicht doch besser noch etwas weiter runterdrehen sollen. Und ob die Gäste auch nicht zu laut lachen.“
Der Türmann betätigt den Klingelknopf. Ein quäkendes, ebenso durchdringendes wie anhaltendes Summen ertönt. Der Türmann nimmt eine entspannte Haltung ein, belässt den Finger auf dem Mechanismus.
„Wie oft machst du das?“
„Och, so alle halbe Stunde. Muss ja sicher gehen, dass bei ihm alles in Ordnung ist. Schließlich sind wir ja alle an einer guten Nachbarschaft interessiert, nä. Deswegen mache ich das auch jede Nacht, wenn ich hier Dienst habe.“
„Ihr habt von Donnerstag bis Samstag geöffnet, oder? Was ist mit den anderen Tagen?“
„Wir haben da so einen Deal mit den Obdachlosen unten an der Ecke. Die bekommen was Ordentliches zu trinken, dürfen sich zwischendurch bei schlechtem Wetter in unserem Laden aufwärmen und der Chef ordert regelmäßig Pizza für die Jungs. Die kümmern sich im Gegenzug um unseren Nachbarn. Machen die sehr gewissenhaft, sehen das wohl auch ganz sportlich, seit der Vogel sie kurz nach seinem Einzug per Platzverweis seitens der Polizei vertreiben wollte …“
„Was machst’n, wenn er seine Klingel ausschaltet?“
„Kann er nich. Der Hausmeister, ’n alter Militärkollege von mir, hat die Signalanlage so umgebaut, dass sie nicht deaktiviert werden kann.“
„Feine Sache. Na, ich muss los – Schicht fängt gleich an … wir haben da ja auch so einen Ruhenzonen-Bewohner überm Laden. Der behauptet ja immer, dass wir bei uns im Laden nichts gegen die Raucher unternähmen. Zeigt uns immer deswegen an. Sagt, dass wir uns unsere Schankgenehmigung bald an die Backe schmieren können. Wollte ja längst mal mit dem „reden“, aber unser Chef will das nicht. Er meint, wir können hier nicht wie in alten Kiez-Tagen reagieren; die Zeiten wären vorbei. Wenn ich jetzt so überlege … der hat, glaube ich, „Hells Bells“ von AC/DC als Türklingel-Ton … ich denke, da lässt sich was machen … Ruhige Schicht, mein Lieber!“
„Jo, ruhige Schicht, Kollege – ach guck, ich könnte ja auch mal wieder auf’s Knöpfchen drücken. So rein aus Nachbarschaftspflege, nä. Oder ihm ne Pizza bestellen …“