Kurzprotokoll des Übergangs

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg. Resümee der Silvesternacht. Ob beim Eindämmen trunkener Hausfassadenzielübungen verantwortungsunscharfer Raketen-aus-der-Hand-Starter, dem Auflösen ebenso vielköpfiger wie spaßunterbindend finsterer Männergruppenklumpen vor dem Clubeingang, dem sorgsamen Verarzten fröhlicher Barfußtänzer nach der Glasscherbenpolka auf dem Dancefloor oder dem zügig hinausbegleitenden Türservice für entschlossene Kontaktsucher mit „Nein“-Schwäche – der Türmann bewegt sich stets in einer räumlich fließenden Poetik des Tuns.
Vor allem in der Zeit des Jahreswechsels, wenn manches Gästegehirn noch 2017, der Körper aber bereits 2018 ist.
Dennoch: Frohes neues Jahr – denn alles wird gut!

Nachtrag. Merke: Die mittlere türsteherseitige Backpfeife an wiederholt streitsuchenden Nichtgästen klingt so ähnlich wie ein legaler Knallkörper. Ist aber nachhaltiger und verursacht viel weniger Feinstaub.

Talkgast

Kaum aufgezeichnet, zack: schon im Netz. Kurz vor Weihnachten durfte ich der wunderbaren Astrid Rolle bei der 18. Ausgabe von TalkDOT ausführlich Rede und Antwort stehen.

Ausschnitt aus dem Bühnenprogramm „Der Türmann“: Kloberatung

Ein Schnipsel des Bühnenprogramms „Der Türmann“. Aufgenommen beim Kunst & Frevel „Comedy Jam“ im Salon Hansen (Mai 2017, Lüneburg).

„Kein Durchgang“ gilt nicht!

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg. Der weibliche Gast betritt den Vorraum, nimmt sich Zeit zur Orientierung. Geradeaus ein dunkler Gang in die ebene Tiefe des Clubs, rechter Hand eine Treppe in den ersten Stock. Linker Hand eine Tür in der Wand. Kurzentschlossen öffnet sie diese und blickt stirnrunzelnd auf eine Wand, an der ein paar Regalbretter befestigt sind. Darauf allerlei Geraffel. „Junge Dame, machst du diese Tür bitte wieder zu?“

Zögernd schließt sich das Türblatt, ihre Hand verharrt widerstrebend auf dem Griff.

„Ja nee, ich möchte in den Club!“

„Einfach den Gang runter. Hinter der Tür dort ist lediglich unser Türsteher-Kabuff.“

Sie starrt mich einen Moment lang an, zieht die Augenbrauen zusammen, öffnet die Kabufftür erneut.

„Ja nee, ich möchte doch in den Club nebenan!“

Ihr strenger Blick gleitet über die Ablagen. Die Plastikflaschen mit Reinigungsmitteln, Putzpapierrollen, Stangen mit Plastikbechern äugen freundlich zurück.

„Da würde ich doch glatt empfehlen, nochmal hinauszugehen, sich forsch nach rechts zu wenden und mutig die drei, vier Schritte bis zum nächsten Clubeingang zu machen.“

„Geht das nicht hier durch?“

„Nunja … mit ein bisschen Anlauf ließe sich die Mauer womöglich durchbrechen …“

„Boah ey, dass ihr Türsteher immer so doofe Antworten geben müsst! Echt ma, was stimmt denn nicht mit euch?“

„Keine Ahnung, vielleicht sind wir einfach immer ein bisschen verwirrt.“

„Aber echt. Tschüss. Schönen Abend noch!“

Wütend rauscht sie hinaus, wendet sich grummelnd nach links und stapft entschlossen davon in die Partynacht.

Ich blicke ihr noch kurz hinterher, wünsche ihr einen schönen Abend und denke mir: Es bleibt schwierig … Vor allem, wenn man Gast ist und von Natur aus immer recht hat.

Türlogik

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg

„Junge Dame, kann ich bitte mal einen Blick auf deinen Ausweis werfen?“
„Warum?“
„Nun, du siehst noch reichlich jung aus. Genaugenommen minderjährig, wie mir scheint.“
„Ich muss echt meinen Ausweis zeigen?“
„Daran führt kein Weg vorbei, wie ich fürchte.“
„Aber, es ist doch schon nach halb vier! So spät kontrolliert ihr noch Ausweise?“
„Denkst du, du bist jetzt entscheidend weniger minderjährig, als, sagen wir mal, um halb zwei?“
„Ja, nee – aber jetzt ist es doch viel näher am Morgen, als an der Nacht! Und ich muss immer um halb sieben aufstehen. Da ist das dann ok, dass ich noch nicht achtzehn bin, oder wie?“

… Die Jugend folgt bisweilen einer gewissen, wenn auch verschlungenen Logik, wie ich zugeben muss …

Vorbildlicher „Bringservice“

tuerservice-september-2016-headcrash-hamburgEine der Kernkompetenz-Aufgaben des Türmannes ist der sogenannte „Clubtür-Bringservice“.

Sollte ein Gast nicht in der Lage oder Willens sein, den Ausgang der Lokalität aus eigenen Mitteln sowohl zu finden, als auch zu durchschreiten, greift der freundliche Türmann des Vertrauens – hier der Kollege Viktor – sogleich flankierend und hilfreich unter die Arme.

Sanft im Ton aber entschieden bewegungsmotivierend in der Sache wird so die Situation zu aller Zufriedenheit deeskaliert und bereinigt.

Eher hinein als hinaus geht es am 02. November in den Nochtspeicher, wenn es wieder heißt: „Zeit für Zorn? – Die Türsteherlesung“. Selbstverständlich nicht ernst gemeint: das Motto – „Backenfutterparty!“. Denn wir lehnen Brutalität natürlich entschieden ab und sagen stets: K(l)eine Gewalt!

Der Basispreis

Schöner Türstehen beim Live-Event. An der Kasse. „Wie lange spielen die denn schon?“
„Gerade angefangen.“
„Und wie lange spielen die jetzt schon?“
„Das ist die Vorband. Noch nicht so lang. Zwei, drei Songs, glaube ich.“
„Und wie lang ist das in Zeit?“
„Keine Ahnung – neun, vielleicht zehn Minuten …“
„Ja, was jetzt, neun oder zehn Minuten?“
„Warum willst du das denn so genau wissen?“
„Na, ich will den anteiligen Eintrittspreis ausrechnen, den ich jetzt noch zu bezahlen habe!“
„Ach, wir sind da heute gar nicht so und lassen dich für den normalen Preis rein, musst gar nicht mehr bezahlen.“
„Hä, wieso mehr?“
„Na, der normalerweise fällige Ignoranz-Zoll, der fürs mutwillige Zuspätkommen zu begleichen ist. Der wird ja anteilig aus den verpassten Songs berechnet.“
„Echt?“
„Ja, aber ich mache heute mal eine Ausnahme, du musst nur den Basispreis bezahlen.“
„Ok … das finde ich nett … glaube ich.“
„Das glaube ich auch.“

Volle Fahrt bei Vollmond

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg. Ich empfand es als feinen Zug vom Rettungswagen-Team, den nun langsam seitlich wieder vom stehenden Fahrzeug abtropfenden Schnellläufer gleich mitzuverarzten, wo sie doch eh schonmal vor Ort waren. Als sie nach vollendetem Werk losfuhren, fragte ich mich von meiner Tür aus, wie lange sich die beiden anderen Jungs wohl an ihrem Platz an den Hecktüren werden halten können. Feixend standen sie auf der hinteren Stoßstange und krallten sich an Türgriffen und Dachreling fest. Der RTW bog in die Simon-von-Utrecht-Straße und beschleunigte im Licht des vollen Mondes …

Der „Rauch-Floor“

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg

„Kann man bei euch rauchen?“
„Ja, unten.“
„Und was läuft oben für Musik?“
„Metalcore. Aber da kannst du nicht rauchen.“
„Wo kann ich denn rauchen?“
„Unten.“
„Wo is denn unten“
„Bei uns ist unten unten. Das mag woanders anders sein, da ist vielleicht auch mal oben unten. Aber nicht bei uns. Hier ist unten immer unten.“
„Echt?“
„Ja. Und unten kannst du rauchen.“
„Oben darf ich nicht rauchen?“
„Nein, nur unten.“
„Wie komme ich denn nach unten?“
„Ich glaube, du solltest gar nicht mehr rauchen.“
„Echt?“
„Ja, echt!“
„Na, dann einen schönen Abend noch.“
„Gleichfalls.“
„Tschüss.‘
„Tschüss.“
Der Hamburger Berg-Besucher. Im Kopf trägt er den Schnaps und den Vollmond im Herzen …

Waffen und Drogen

Schöner Türstehen auf dem Hamburger Berg

Jedes Mal, wenn ich Gäste darum bitte, einen Blick in ihre Taschen werfen zu dürfen, wird mir mitgeteilt, dass sich darin außer Drogen und Waffen nichts weiter Besonderes befände.

Schaue ich dann neugierig hinein, finden sich immer bloß benutzte Papiertaschentücher-Knäuel, Billig-Plastikdildos aus’m Kiez-Souvenirshop, leere Kleiner-Feigling-Fläschlein, deren Restinhalt klebrig ins Futter suppt, halboffene Geldbörsen, aus denen schon diebesfreundlich die großen Scheine lugen, die flachen Ersatzschuhe mit der dünnen Glassplitter-Sammelsohle für später, extrastarkes Deo in Familiengebindegröße sowie die obligatorische Dose mit einem ebenso undefinierbaren wie zuckergesättigten Fremdgetränk. Waffen und Drogen? Fehlanzeige.

Ist dieses notorische, zwanghafte Vorbringen von Unwahrheiten schon die postfaktische Welt, in die uns Demagogen und Populisten wie Donald Trump oder die AfD führen wollen?

Oder noch immer der ganz normale, standhaft realitätsverleugnende Geisteszustand des Kiezgastes?

(Tür)man(n) weiß es nicht.

Es bleibt schwierig …