In der Zenon-Bahn

Unterwegs im ÖPNV. Von Barmbek nach Altona. Die Bahn setzt ihre Weiterfahrt an jeder Haltestelle erst nach mehreren Minuten Stillstand fort. Sammelt wohl Bonuspunkte fürs Verspätungskonto.
Ein Kind mit recht eigentümlichem Geschmack kommentiert die Warterei auf eigene Weise: Es tunkt alle paar Augenblicke den Seifenblasenring ins Seifenblasenbehältnis und lutscht ihn hernach wie einen Lolli genießerisch ab. Kichert vergnügt. Kleine Seifenblasen steigen dabei von ihm auf und wirbeln durch den Waggon.
Wir übrigen Reisenden verharren in stiller Kontemplation, nehmen die langen Stopps als normalen Mobilitätszustand seufzend hin. Fortbewegung ist sowieso nur eine Illusion: Eine Gerade von A nach B besteht aus Punkten. Man kann sich nicht von einem zum anderen bewegen, denn ihre Zahl ist unendlich. Und es ist nicht möglich, an zwei Punkten zugleich zu sein.
Schon Zenon, der alte Vorsokratiker, wusste dies als Paradoxon des ÖPNV zu benennen: „Das Bewegte bewegt sich weder in dem Raume, in dem es ist, noch in dem Raume, in dem es nicht ist.“
Und wieder ertönt das Signal der sich schließenden Türen. Die Bahn indes rührt sich nicht von der Stelle. Wie sollte sie auch, sie kann ja nicht.

Autor: Viktor Hacker

Sprecher, Autor, Humorist. Türsteher. Ehemaliger Soldat. PR-Redakteur. Hörzu-Filmredakteur. Auto Bild-Bewegtbild- und Reportagen-Sprecher. Off-Stimme für Imagefilme. Synchronsprecher. Hamburger Abendblatt-Kolumnist. Bühnenkünstler. Literarischer Kabarettist. Spoken Word-Performances. Kabarett. Lesungen.

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