Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Das Gender-Schlupfloch

„Hacker, schönen guten Tag. Sagen Sie, wir haben vor geraumer Zeit, lassen Sie mich lügen, ich glaube, es sind mittlerweile drei Monate, doch diese Abmachung getroffen: Sie beauftragen mich als exklusiven Sprecher für ihre Firmen-Imagevideos, die Werbespots, den Off-Kommentar in ihren Mitarbeiter-e-learning-Videos, und ich leihe meine Stimme im Gegenzug nicht ihrer Konkurrenz.

Jetzt habe ich bereits zwei Aufträge direkter Marktwettbewerber abgelehnt, von Ihnen aber noch immer keinen Laut bezüglich eines Sprecherjobs gehört, was ist denn da los?“

„Oh, Herr, äh, Hacker, schön, von Ihnen zu hören. Ich hoffe, es geht Ihnen gut, gesundheitlich alles in Ordnung und die Auftragslage prächtig.“

„Ja, letzteres ja nicht so ganz, da ich von Ihnen so gar nichts höre …“

„Wir haben zur Zeit leider gar nichts für Sie. Zwar gab es einigen Output unserer firmeneigenen Videoschmiede, aber da haben wir auf eine weibliche Stimme zurückgegriffen.“

„Moment mal, wir haben eine gegenseitige Exklusivitätsvereinbarung! Diese wird von Ihnen verletzt, wenn sie einfach so eine andere Sprecherin einsetzen!“

„Unsere Marketingabteilung meinte aber, eine weibliche Stimme sei verkaufsfördernder.“

„Nichtsdestotrotz ist das ein Bruch des Vertrags. Sie haben unterschrieben, dass Sie keinen anderen Sprecher einsetzen!“

„Ja aber, das ist doch eine Sprecherin, kein Sprecher. Wir würden natürlich nie einen anderen Sprecher hinzuziehen.“

„Sprecher oder Sprecherin macht keinen Unterschied – wir haben einen Vertrag. Den ich im Gegenzug streng einhalte!“

„Ja aber, die Sprecherin war auch um einiges günstiger als Sie! Und unsere Marketingabteilung hatte gerade erst die Budgets neu aufgestellt – da war nicht mehr so viel drin für die Vertonung.“

„Das Budget wird durch etwaige Rechtsstreitigkeiten noch ganz anders belastet, das können Sie mir mal glauben. Ich würde jetzt gern mit der Chefin sprechen, Frau XY, mit der ich damals den Vertrag ausgehandelt habe.“

„Frau XY ist im Mutterschutz und vorerst nicht mehr zuständig.“

„Na, super …“

„Ein Vorschlag zur Güte: Wir hätten da einen kleinen Point-of-Sale-Spot für einen Baumarkt. Der wäre doch was für Sie! Da ist eine männliche Stimme sowieso viel kundennäher …“

„Ach, auf einmal!“

„Ja, wir müssten nur noch einmal über den ursprünglichen Preis verhandeln. Der kommt uns im Nachhinein dann doch etwas happig vor …“

„Dick fich!“

„Wie bitte? Ich habe Sie jetzt, glaube ich, nicht richtig verstanden.“

„Ja, ich Sie auch nicht.“


Es bleibt schwierig.

Don’t mess with the devilish man …

An der Fahrrad-Ampel

„Mamaaa!“ „Mamaaaa! Der Mann hat keinen Helm auf! … Warum hat der Mann keinen Helm auf? … Mamaaa! … Jeder muss einen Helm aufhaben! Warum hat der keinen Helm auf?“ Der Dreikäsehoch auf seinem Hampelrad ist völlig außer sich.

„Das ist ein sehr dummer Mann. Deswegen hat er keinen Helm auf. Weil er sehr dumm und alt ist.“

Mamaaa ist sichtlich zufrieden mit ihrer Erläuterung. Ihre Stimme erinnert mich an einen Heliumatmer. Sie spricht weit oben im Hals und presst die Worte laut hervor. Es quietscht in sämtlichen umliegenden Ohren. Sie streicht ihre rotblonden Haare zur Seite und widmet sich einer Whatsapp-Nachricht.

„Hey Kleiner, das ist nicht ganz richtig“, werfe ich ein, „eigentlich trage ich keinen Helm, weil ich erwachsen bin. Und mir niemand etwas vorschreiben kann. Ich darf auch immer Schokolade essen. Und Eis. Wann ich immer ich will. Aber, das darf ja auch jedes Kind.“

„Ich darf keine Schokilade haben! Die ist ungesund!“

„Du darfst keine Schokolade haben? Oh, das ist komisch. Alle Kinder dürfen doch zu jeder Zeit, wann immer sie wollen Süßigkeiten essen. Schokolade zum Frühstück, Eis zu Mittag, Pudding zum Abendessen. Alle Kinder dürfen das. Nur du nicht. Und weißt du, warum du das nicht darfst? Weil deine Mama voll gemein ist. Alle anderen Kinder dürfern immer soviel Schokolade haben, wie sie wollen. Nur du nicht. Du musst außerdem auch immer mit diesem hässlichen Helm herumfahren, weil deine Mutter möchte, dass du so richtig schön doof aussiehst.“

„Die anderen Kinder tragen aber doch auch Helme!“

„Ja, aber nur, wenn du dabei bist. Das hat deine Mutter ihnen gesagt. Sobald du weg bist, setzen alle ihre Helme ab und stopfen sich mit Eis und Schokolade voll. Und du bekommst nichts ab, weil deine Mutter voll gemein ist. Alle anderen dürfen übrigens auch immer so lange aufbleiben, wie sie wollen. Und müssen nie duschen.“

Seine Augen irren zwischen mir und Mamaaa hin und her. Füllen sich langsam mit Flüssigkeit, seine Wangen werden roter. Mamaaa hingegen bekommt im Verkehrslärm nicht allzuviel von unserem Dialog mit …

„Wenn du erwachsen bist, darfst du den Helm absetzen und kannst jede Menge Schokolade haben.“

Ich sehe Hoffnung in ihm aufkeimen …

„Aber das ist erst, wenn du so alt bist wie ich. Das dauert noch vieeeelee Jahre. Du musst erst ganz alt werden. Uralt. Und dann musst du schon bald sterben. Das tut mir sehr Leid für dich.“

Er hat jetzt eine interessante Farbe: irgendwo zwischen rot und violett. Das kleine, feiste Kindergesicht zur leuchtenden Faust geballt. Die Ampel schaltet auf Grün. Ich entferne mich von dem einsetzenden Krawall einer sich zutiefst ungerecht behandelt gefühlten Kinderseele.

Don’t fuck around with Satan’s son.

Tähähähähä …

Zu Hause angekommen, muss ich leider feststellen, dass das Große Sommerfest in der Senioren-Anlage nebenan jetzt erst richtig in Schwung gekommen ist. In den großen Lautsprechern reichen sich Helene Fischer, Truck Stop, Tony Marshall und der alte Holzmichel die Hände und schunkeln meine Bad Karma-Punkte ab, die ich gerade eben noch einmal ordentlich aufgefüllt hatte …

Verdammt!

Intensiv-Gäste

Nein, das geht leider nicht – bei einer Benefiz-Veranstaltung kann ich niemanden auf die Gästeliste setzen. Und nein: ich kann dir leider auch keine Plätze für dich und deine Begleitung reservieren. Nein, auch nicht auf der Bühne an der Seite. Tut mir Leid, aber wir können leider nicht später anfangen – das ist alles zeitlich aufeinander abgestimmt … Nein, auch nicht, wenn wir das Event komplett nach hinten verlegen … Die Getränkepreise beim Event? Nun, die sind auch Teil der Benefiz-Idee … Was? Ja, klar kannst du deine Sodastream-Flaschen mitbringen, musst sie eben nur draußen stehen lassen … Ach, du kannst jetzt doch nicht vorbeikommen? Schade …

Jeder kennt so jemanden. Oder jemanden, der so jemanden kennt.

Die Amsel: Der schlechte Mensch unter den Vögeln

Tiek Tiek Tiek!

(Beispiel-Video)
Neben meinem Küchenfenster ist eine Amsel eingezogen. Sie hat lange nach einer geeigneten Bleibe gesucht, die ihren gehobenen Ansprüchen in punkto Wohnlage, Infrastruktur, Mikro-Klima sowie passendem Baumbestand entspricht.
Jetzt hat sie jedoch festgestellt, dass in den umliegenden Gebäuden scheinbar Leute leben. Und Katzen! Ein nicht hinzunehmender Umstand, wie sie findet. Sie verleiht ihrem Unmut nun lautstark Ausdruck. Über Stunden. Ohne Pause. Die müssen weg, die Störenfriede – dafür wird sie schon sorgen!
Mich beschleicht derweil ein Verdacht: Diese ganz speziellen Vetreter der Drossel-Familie sind die gefiederten Re-Inkarnationen von Menschen, die gern in die Nähe von traditionsreichen Kneipen, Clubs oder Bars einziehen, um die Lokalität anschließend mit fortwährenden Lärm-Beschwerden bei Polizei und Ordnungsamt in den Ruin zu treiben.
Trotz zu Lebzeiten dadurch angesammelten schlechten Karmas erhalten sie später in Tierform noch eine zweite Chance. Die sie als verbohrt-ignorante Zeitgenossen natürlich wieder zuverlässig verkacken. Nichts gelernt und stolz darauf. Und: Zack – von der Katze gefressen …
Tiek Tiek Tiek Würg!

Terrouristenpärchen in der Hafen-City

​Unterwegs im Hafen und der Hafen-City. Mission: Maritim anmutende Fotos für Flyer machen. Leider regnet es ununterbrochen. Sowohl Wasser von oben, als auch Leute von allen Seiten. Durch die Bank sich höchst verdächtig ähnlich sehende Terrouristenpärchen (©Sasha Hamovic) in hornhautgepolsterten Wandersandalen mit ihren dauerquengelnden Henkelohr-Kindern. Sie reden lauthals in Zungen. Hessisch, Schwäbisch, Bayerisch und Fränkisch. Und ich dachte bisher, bloß in Tiroler Bergtälern und im schönen Pinneberge bliebe alles immer in der Familie. Pustekuchen …

Anderswo

Manchmal sitze ich da,
und sage nichts,
höre den Bäumen beim Rauschen zu
und stelle mir vor,
ich wäre am Meer.

Gesundheit dank Nationalvitamin

Deutsche Paprika„Deutsche! Kauft nur deutsche Paprrrika! Ein Volk, ein Gemüsebeet, ein Gärrtnerrr!“ (Hier am Ende die Stimme leicht überschnappen lassen, dabei synchron auf den Zehen kippeln)

Ruf. Mich. Nicht. An!

Zielorientierte Kommunikationsstrategien – oder: Wie, Feierabend?
 
IMAG1299_1Sonntagabend. EM 2016. Deutschland spielt gegen die Slowakei im Achtelfinale, die erste Halbzeit läuft, die Bundes-Elf hat gerade zum 1:0 eingenetzt. Plötzlich: Ein in diesem Zusammenhang vollkommen unpassendes Geräusch sägt in die Szenerie – ein Kunde ruft an und möchte gern en détail über einige Sprechvorgaben für einen Auftrag in der nächsten Woche reden. Lässt sich nur mit größter Mühe auf gerade noch grenzhöfliche Art und Weise abwürgen. Versteht nicht, warum das Telefonieren jetzt nicht möglich sei. Wäre doch zur Zeit so schön ruhig überall. Sein Vorgehen erscheint mir in mehrfacher Hinsicht von nahezu atemberaubender Ignoranz.
 
Eigentlich nur durch die Penetranz eines gewissen Vorsitzenden des „Kunstbureau Wilhelmsburg e.V.“ damals in den frühen Neunzigern zu toppen. Dieser rief in den noch telekommunikativ unmobilen Zeiten grundsätzlich am Freitagabend auf dem Festnetz an. Während die allwöchentliche Star Trek-Ausstrahlung im TV lief. Weil er da sicher sein konnte, mich zu Hause zu erreichen …

Sexismusdiskurs

Schöner Türstehen. Innerhalb der Vierergruppe – drei Typen, ein Mädel – vorm Clubeingang wird aufgeregt diskutiert. Nun, eigentlich diskutieren nur die Typen – die Frau steht außerhalb des Kreises, wird ignoriert, man dreht ihr den Rücken zu. „Warum geht ihr nicht rein? Könnt ihr euch über die weitere Abendplanung nicht einigen?“
„Ja, nee …“, sagt sie, “ die müssen noch was ausdiskutieren.“
„Was denn?“
„Na, ob das sexistisch war, mir Zigarettenasche vom T-Shirt auf den Brüsten wegzupusten.“
„Ach guck, die diskutieren über deine Würde, schließen dich davon aber aus … das finde ich eigentlich viel sexistischer.“
„Ich auch.“
„Und?“
„Und was?“
„Haste den Jungs das mal gesagt?“
„Hab ich.“
„Und?“
„Sie hören mir nicht zu.“
„Geh‘ doch einfach rein und mach dir nen schicken Abend.“
„Und die Jungs?“
„Die lasse ich nicht rein.“
„Echt?“
„Ja.“
„Cool! Metal heute oben oder unten?“
„Oben!“
„Cool, bis später.“
„Viel Spaß!“
„Danke!“
Manchmal ist’s einfach …

Born to be mild

HarleyAch guck, am Wochenende ist es wieder soweit: Sonnenbrandbedrohte Zahnwälte betagteren Semesters spielen sommerlichen Outlaw. Da sie vorwiegend auf us-amerikanischem Alteisen unterwegs sind, dessen Schräglagen-Freiheit strenggenommen nur im Geradeauslauf überzeugt, fahren sie dabei a. keine Kurven und b. nicht sehr weit.
Da die selbst gefahrene Strecke zumeist mangels Übung äußerst langsam bewältigt wird (die Motorräder werden für gewöhnlich auf Anhängern zum Zielort transportiert und per „Dreck- und Staub-Kit“ mit street credibility versehen), kippen sie am Wendepunkt häufig um. Das wird drollig, das schaue ich mir am Sonntag wieder gern an. 🙂

PS: Ich habe wieder Internet, wie ihr seht. Und: Die Leute von Willy Tel rufen persönlich an, sagen Bescheid, was kaputt war und warum es so lange gedauert hat, bitten um Entschuldigung und wünschen einen guten Tag. Finde ich gut.