Expedition ins Unbekannte

DHL – Der Kampf geht weiter

„Zugestellt an: Nachbar, Hanse, 22309 Hamburg.“

Bisweilen kann es nicht schaden, die eigenen detektivischen Fähigkeiten abzurufen, wenn man es mit der DHL zu tun hat. Zum Beispiel beim Auffinden des Lagerungsortes, an den das Paket statt der eigenen Hausadresse geliefert wurde.

Meine Recherchen ergaben: Es existieren 14 Haushalte mit diversen Variationen des Namens „Hanse“ im Postleitzahlbereich 22309. Nun, gut ausgerüstet mit Trinkwasser- und Lebensmittelvorräten sowie festem Schuhwerk werde ich mich dann mal auf die Such- und Finde-Expedition begeben und alle abklappern.

DHL – Der Kampf geht weiter

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Effiziente Arbeitsgestaltung

DHL – Der Kampf geht weiter

*dingdong*
„Ja, bitte?“
„Kannst Du Pakät für Müllär (Name geändert. – Die Red.) annähmän?“
„Frau Müller ist im Haus, habe eben gerade mit ihr gesprochen.“
„Abär ist ärstä Stock!“
„Nein, nur das zweite Hochparterre – einfach die drei Stufen da hoch.“
„Ist schön, kann Sie dann bei diär abholän, hat ja dann nicht weit. Dankäsähr!“ Schneller Abgang Bühne links.
„Äh …“

Man muss sich seinen Arbeitsplatz nur effizient gestalten, dann kommt auch kein Stress auf.

DHL – Der Kampf geht weiter

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In der Zenon-Bahn

Unterwegs im ÖPNV. Von Barmbek nach Altona. Die Bahn setzt ihre Weiterfahrt an jeder Haltestelle erst nach mehreren Minuten Stillstand fort. Sammelt wohl Bonuspunkte fürs Verspätungskonto.
Ein Kind mit recht eigentümlichem Geschmack kommentiert die Warterei auf eigene Weise: Es tunkt alle paar Augenblicke den Seifenblasenring ins Seifenblasenbehältnis und lutscht ihn hernach wie einen Lolli genießerisch ab. Kichert vergnügt. Kleine Seifenblasen steigen dabei von ihm auf und wirbeln durch den Waggon.
Wir übrigen Reisenden verharren in stiller Kontemplation, nehmen die langen Stopps als normalen Mobilitätszustand seufzend hin. Fortbewegung ist sowieso nur eine Illusion: Eine Gerade von A nach B besteht aus Punkten. Man kann sich nicht von einem zum anderen bewegen, denn ihre Zahl ist unendlich. Und es ist nicht möglich, an zwei Punkten zugleich zu sein.
Schon Zenon, der alte Vorsokratiker, wusste dies als Paradoxon des ÖPNV zu benennen: „Das Bewegte bewegt sich weder in dem Raume, in dem es ist, noch in dem Raume, in dem es nicht ist.“
Und wieder ertönt das Signal der sich schließenden Türen. Die Bahn indes rührt sich nicht von der Stelle. Wie sollte sie auch, sie kann ja nicht.

Es perlt in Dauerschleife

Nachbarschaftsfest im Innenhof. Feine Sache. Mehrere Pavillons wurden aufgebaut. Es wird gegrillt, viele Leute sind da. Gelächter und Stimmen hallen durchs Häusergeviert. Ein Dj macht Musik. Wenn doch bloß nicht schon drei bis vier Mal hintereinander „Hamburg, mein Perle“ ertönt wäre. Ist einfach nicht so richtig mein Ding, der Song. Jetzt tritt eine Live-Sängerin vors Mikro. Sie ist nicht schlecht. Im Gegenteil, sie beherrscht ihr Handwerk; hat eine weit tragende Stimme. Leider nur ist „Hamburg, meine Perle“ auch live immer noch „Hamburg, meine Perle“ …

Wenn der Hipsterpapa mit dem Sohne …

Neulich vorm Supermarkt

Szenen aus den Ausläufern des Quartier 21; des gentrifizierten Teils von Barmbek-Nord. Ein moderner Hipsterpapa bringt seinem kleinen Sohn das Fahrradfahren bei.

Der Sohn ist exakt genauso gewandet wie sein mutmaßlicher Erzeuger: Hochgekrempelte, lachsfarbene Skinny-Hose zu hellgrünem, knielangem Shirt und leuchtend rosa Flip-Flops. Seine Haare sind ebenfalls zu einem wackelnden, schrumpkopfähnlichen Dutt zusammengebunden. Nur Daddys kinnlangziehender Schwarzbart fehlt im Ensemble.

Er müht sich redlich, sein Fahrrad – eine Miniaturausgabe des Fixies seines Vaters – in Bewegung zu setzen. Und scheitert wiederholt. Verliert beim Pedal-Balancieren auf der hohen 1-Gang-Übersetzung des filigranen Nichtbewegungsmittels jedes Mal das Gleichgewicht, bevor er auf ein stabilisierendes Tempo beschleunigen kann. Hadert zudem sichtlich mit dem schmalen Lenker und der engen Griffweite.

Ich schlage zur Abhilfe einen Bart zum Ankleben vor.

Hipsterpapa versteht nicht, runzelt die Stirn. Ich erläutere, dass Sohnemann so quadratbartlos kein stimmiges Gesamtbild ergäbe und daher unmöglich die nötige Mobilitätseleganz entwickeln könne. Hipster-Gen-Weitergeber versteht noch immer nicht, seine Mono-Braue zieht sich wie eine Raupe kurz vorm Blätter-Sprung in der Gesichtsmitte zusammen und ein Mundwinkel verzerrt sich in einem gequälten „Hä?!“. Leises Gekicher der Umstehenden schwillt an.

Ich schwinge mich auf mein eigenes Fahrrad und radle von dannen. Begleitet vom traurigen Blick des Bonsai-Hipsters auf seinem widerspenstigen Mini-Fixie. Er tut mir leid. Er kann ja nichts dafür, dass er unter schwierigen Bedingungen mit mangelnder Chancengleichheit aufwachsen muss. Ich wünsche ihm Glück und hoffe, dass er sich trotz allem durchbeißen kann und seinen Weg im Leben findet.

Es bleibt schwierig …

DHL – Der Kampf geht weiter

Nun … es ist ja auch verständlich – seitdem aus Budgetgründen sämtlichen DHL-Boten die assistierende Begleitung durch hieroglyphenerfahrene Alt-Ägyptologen gestrichen wurde, wird die Entzifferung vor allem solch kryptischer Adressbeschriftungen zunehmend unmöglicher. Da kann man nach längerer Namenssuche mit anstrengendem Lesekampf schon einmal entnervt aufgeben. Kein Ding. Vollstes Verständnis. 😅

DHL – Der Kampf geht weiter

Heldenhafte Nachbarn

Heute: Der Parkplatzkenner

„Dieser Parkplatz ist vollkommen legal!“, Schowanni Eigenlob, junger Familienvater und Nachbar aus Leidenschaft, verstand die erneute Aufregung über den Stammabstellplatz seines Kfz einfach nicht. Wie üblich kühlte sein ganzer Stolz, der playmobil-blaue Kombi bayerischer Fertigung, direkt vor dem Metallgatter des Gebäudetunnels ab.

In lang vergangenen Tagen stellte dieser den Zugang für die Zuliefererkarren in die Innenhof-Werkstätten des typischen Hamburger Miethaus-Quarrees dar. Die Handwerksbetriebe waren schon vor langer Zeit verschwunden und der Innenhof barg jetzt eine kleine Parkanlage mit Spielplatz, mehreren Fahrradstellplätzen sowie die Mülltonnen der Wohnanlage. Selbige müssen einmal pro Woche zur Entleerung seitens der Stadtreinigung vom Hausverwalter durch den Durchgang auf die Straße geschoben werden.

„Es ist nicht verboten, vor dem Durchgang zu parken! Ich sehe nirgendwo ein Schild, dass das Halten oder Parken an dieser Stelle untersagt!“, Schowanni schwoll schon wieder der Kamm.

Nun, tatsächlich hatte die Hamburger Behörde für Verkehr, Wirtschaft und Innovation hier bisher noch keinerlei Gebots- oder Verbotsschilder installiert. Das war auch nicht nötig – sämtliche übrigen Mieter der vier Wohnhäuser in der kleinen Straße wussten um die Wichtigkeit des freien Weges zwecks Müllentfernung und hielten den Platz vor dem Durchgang penibel frei.

„Tja, was ich kann ich dafür, wenn die anderen alle so doof sind? Guck, die Stelle ist ja noch nicht einmal als Feuerwehrzufahrt ausgewiesen. Es ist erlaubt, dort zu parken! Das wollen wir doch ein für alle Mal festhalten!“

Bereits zwei Mal war es zu einem Weiterfahren der Mitarbeiter der Stadtreinigung ohne Müllabholung gekommen, da es aufgrund des davorstehenden bajuwarischen Playmobils nicht möglich war, die Container durch den Tunnel auf die Straße zu schieben.

„Dann müssen die Container eben anders auf die Straße geschafft werden! Und komm‘ mir jetzt nicht wieder mit „einziger Ausgang vom Innenhof“ – das kann’s ja wohl nicht sein, wir leben schließlich im Jahr 2017. Und das ist vor allem auch überhaupt nicht mein Problem – ich habe nichts Ungesetzliches gemacht!“

Derzeit genießt Schowanni Eigenlob mit Familie einen zweiwöchigen Urlaub auf Teneriffa. Sein BMW steht sicher in der kleinen Straße. Wie gewohnt vor der Innenhof-Zufahrt. In der sich etliche, mittlerweile anrüchig überlaufende Mülltonnen zusammendrängen. Eine allerdings fällt durch erstaunliche Leere auf. Ihr Inhalt findet sich großzügig verteilt auf Dach und Motorhaube des spielzeugblauen Autos wieder.

Scheinbar ist dem Hausverwalter oder einem der anderen Mieter zwischenzeitlich der Kragen geplatzt. Mit möglicherweise ungesetzlichen, aber zumindest gefühlsmäßig befreienden und auch irgendwie lustigen Folgen …

Erziehungshelfer

Liebes Nachbarskind,

ich weiß, es ist frustrierend, dass meine maximalbepelzte, vierbeinige Mitbewohnerin Karlotta völlig unbeeindruckt von deinen Lockversuchen statuenhaft auf dem Hochparterre-Balkonsims verharrt. Sie ignoriert kleine kreischige Gören nun einmal. Ist eine Marotte von ihr. Und vielleicht etwas unhöflich.
Daher kann ich auch gut verstehen, dass du sie flunschgesichtig mit dem dürren Strahl deiner kleinen Wasserpistole aufs Korn nehmen musstest.
Was mir allerdings leid tut, und dafür möchte ich mich in aller Form bei deiner zartbesaiteten Kindersoziopathenseele entschuldigen, ist der bedauernswerte Umstand, dass der Eimer Wasser, den ich dir kurz darauf vom Balkon aus über den Kopf goss, nur halb gefüllt war. In der Eile ging leider nicht mehr. Aber versprochen: beim nächsten Mal gibt’s die volle Ladung. Aus der großen Waschschüssel. Mit Gummi-Entchen oben drauf.

Hilfsbereite Nachbarschaft

Die füllige Frau mit den schlechten Tattoos und den herauswachsenden, blondierten Strähnen im aufgeplüsterten Haar zerrt schweißüberströmt am Griff der Sackkarre. Am unteren Ende der manuellen Schwerlasthilfe müht sich zeitgleich ihr bierbäuchiger Mann mit der fahlen Kettenraucherhaut schiebend und japsend ab.
Der Transport der Waschmaschine scheint bereits an der Treppe zum ersten Stock zu scheitern. Bis in den zweiten müssen sie es aber schaffen. Die etwa dreizehnjährige Tochter – ich glaube, dass sie Cheyenne-Hanuta oder so ähnlich heißt; jedenfalls klingt das so, was ihre Mutter wiederholt in ihre Richtung ruft -, steht augenrollend daneben und bemängelt erbost den Umstand, dass sie partout keinen Empfang mit ihrem Smartphone hätte.
Ich – just vom Sport heimkommend – lasse meine Tasche fallen und eile hinzu. Gemeinsam wuchten wir das blecherne Ungetüm von Stufe zu Stufe, gelangen nun recht zügig in die zweite Etage.
„Danke, für die Hilfe.“
Die neuen Nachbarn, die Familie ist vor zwei Wochen eingezogen, sind ebenso erleichtert wie angetan.
„Kein Ding. Mache ich doch gern.“
„Ja, da merkt man gleich, dass man in ein ordentliches deutsches Haus gezogen ist.“
„Hä? Verstehe ich jetzt nicht …“
„Naja, wären hier nur so K*n*ken, wie in unserem alten Haus in Billstedt, würde das ja kein’n interessieren. Die machen nie ’nen Finger krumm für deutsche Leute.“
„Achso. Ja, ich als Zigeuner helfe immer gern. Da kann man auch gleich mal einen Blick in die Wohnung der neuen Nachbarn werfen.“
„Was?!“
„Na, was da so drin ist. An Werten. Echt praktisch. Und ganz unauffällg.“
„Aber …“
„Verdammt großen Fernseher haben Sie da. Nicht schlecht.“
„Äh …“
„So, jetzt muss ich aber. Schönen Tag noch.“
„Ja … äh … ebenfalls …“

Es bleibt schwierig …

Tähä.