In der Zenon-Bahn

Unterwegs im ÖPNV. Von Barmbek nach Altona. Die Bahn setzt ihre Weiterfahrt an jeder Haltestelle erst nach mehreren Minuten Stillstand fort. Sammelt wohl Bonuspunkte fürs Verspätungskonto.
Ein Kind mit recht eigentümlichem Geschmack kommentiert die Warterei auf eigene Weise: Es tunkt alle paar Augenblicke den Seifenblasenring ins Seifenblasenbehältnis und lutscht ihn hernach wie einen Lolli genießerisch ab. Kichert vergnügt. Kleine Seifenblasen steigen dabei von ihm auf und wirbeln durch den Waggon.
Wir übrigen Reisenden verharren in stiller Kontemplation, nehmen die langen Stopps als normalen Mobilitätszustand seufzend hin. Fortbewegung ist sowieso nur eine Illusion: Eine Gerade von A nach B besteht aus Punkten. Man kann sich nicht von einem zum anderen bewegen, denn ihre Zahl ist unendlich. Und es ist nicht möglich, an zwei Punkten zugleich zu sein.
Schon Zenon, der alte Vorsokratiker, wusste dies als Paradoxon des ÖPNV zu benennen: „Das Bewegte bewegt sich weder in dem Raume, in dem es ist, noch in dem Raume, in dem es nicht ist.“
Und wieder ertönt das Signal der sich schließenden Türen. Die Bahn indes rührt sich nicht von der Stelle. Wie sollte sie auch, sie kann ja nicht.

Unterwegs im ÖPVN

Tapferes Timing

Am Bahnhof Barmbek steht eine junge Frau und spielt sehr virtuos Querflöte. Ich warte in der Nähe auf meinen Bus. Sie intoniert die Titelmelodie der Serie „Game of Thrones“. Um uns herum luftig-sommerlich gekleidete Menschen in der warmen Brise des späten Mai-Nachmittags. Ich muss zugeben: das in den Klängen mitschwingende „Winter is coming“ kann in dieser Atmosphäre nur einen Bruchteil seiner ureigenen Bedrohlichkeit entfalten.

10 Jahre Smartphone

Alltagsbeobachtungen. 2007-2017: 10 Jahre Smartphone. Eine Dekade, die geprägt ist vom rhythmisch an- und abschwellenden Klagechor der technikfremdelnden Dagegenmenschen, die schon zu Zeiten des frühen Buchdrucks ihre mürrischen Nasen rümpften. Die Zivilisation stürbe, postulieren sie. Die Menschen verweigerten gesenkten Hauptes den Anblick des Himmels, bemängeln sie. Niemand spräche mehr miteinander, mahnen sie zeigefingerwedelnd.
Doch wie sehr sie sich irren.
Die kleinen Wunder der Technik mit Wischbildschirm haben die zwischenmenschliche Kommunikation in hohem Maße zivilisiert und angenehm gemacht: Kaum noch wird ebenso altmodisch wie unangenehm telefoniert!
Die Menschen teilen sich über Nachrichten mit. Schicken sich Bildchen und e-mails. Zeichnungen und Filme. Wie wunderbar doch der Fortschritt ist. Erst die Weiterentwicklung der Technik macht das menschliche Miteinander überhaupt möglich. Macht es stressfreier und entspannter.
Ich mag Smartphones. Und hoffe sehr, dass wir mit ihrer Hilfe den Drang, anzurufen, irgendwann gänzlich überwinden werden. Und stattdessen nur noch Nachrichten schicken. Jederzeit nachlesbar und frei von quälender Sprachqualität wie wir sie zum Beispiel von o2 bestens kennen und nicht schätzen.

Stau schau wem …

Unterwegs im ÖPNV. Auf dem Weg zur Bühne. Aufbruch in Barmbek mit dem Ziel: Kiez. Schienenersatzverkehr in goddamn‘ Hasselbrook. Ausweichen auf DriveNow. Stau 1. Umdrehen, alternative Strecke. Stau 2. Keine Möglichkeit des Richtungswechsels. Eine halbe Stunde lang beim Stop-and-go-Game mitspielen. Dann endlich: Wendemöglichkeit. Stau 3 und kurz darauf Stau 4 ausgewichen. Keine Chance sichtbar, auch nur einen Millimeter Boden in Richtung Kiez gutzumachen. Resignierter Beschluss: Zurück in den ÖPNV. Hilft ja nix. Leider auch keine Chance, das gemietete Auto wieder loszuwerden: Kilometerweit im Umkreis kein Parkpkatz in Sicht. Rückkehr nach Barmbek. Abstellplatz nach geraumer Zeit gefunden; etwas weiter weg als das eigene Zuhause. Wieder in der Bahn. Weträumig andere Linie mit mehrmaligem Umsteigen. Besser is. Schienenersatzverkehr-Bus würde in Stau 2 klebenbleiben. Resumee: Es ist dieser unbedingte Zwang zur Mobilität mit gleichzeitiger Unerfüllung, der das Leben in der Großstadt so abschnürend atemberaubend macht …

Wunderliche Menschenskinder

Unterwegs im ÖPNV. Die Puppe des kleinen Mädchens gibt ein verzweifeltes Heulen von sich, wenn sie über einen bestimmten Winkel hinaus nach hinten geneigt wird. Jedesmal. Das kleine Mädchen plärrt dann ebenfalls herz- und ohrenzerreißend los. Jedesmal. Etwa alle dreißig Sekunden, seit ich einstieg. Die mutmaßliche Mutter guckt resigniert. Das Gesicht der mutmaßlichen Großmutter wirkt versteinert. Nur ihre Kieferknochen mahlen in einer unablässigen, stoischen Bewegung. Der Mensch, das von Beginn an wunderliche Wesen …

Gebrauchsanweisungen aktuell

„Hinweis: 1. Es kann ein bisschen riechen, wenn Sie diese Tasche zu bekommen. denn es ist neu und unbenutzt. Sie könnten das Paket zu öffnen und legen Sie sie an einem gut belüfteten Ort für ein paar Stunden, dann der Geruch wird verblassen

2. Echtes Leder erscheinen Mehltau Punkte aufgrund der Verdampfung von Wasser im Futter. Sie könnten nur wischen Sie mit einem feuchten Tuch.“

Jetzt verstehe ich auch den komischen Geruch im ÖPNV. Es sind die vielen noch neuen und unbenutzten Fahrgäste. Vielleicht sollte man sie kurz öffnen und an einem gut belüfteten Ort verblassen lassen. Dieser ominöse „Mehltau“ lässt sich ebenfalls deutlich auf ihren sichtbaren Oberflächen erkennen … hm, ich gehe wohl doch lieber zu Fuß durch den Regen.