Klangreiche Nachbarschaft

Schöner Türstehen. Nahezu jeder Club, jede Kneipe, jedes Cafe kennt ihn: Den Ruhesuchenden. Kein bisschen von der mangelnden Konkurrenz bei der Wohnungsbesichtigung irritiert, unterschreibt er frohgemut den Mietvertrag für die herrliche Altbauwohnung im Szene- und Partyviertel. Stundenlang streicht er mit den Händen über den edlen, so heute gar nicht mehr herstellbaren Mahagoni-Schiffsplanken-Parkettfußboden, schwärmt über die enorme Wandhöhe und den zauberhaften Stuck in den großzügig dimensionierten, luftigen Wohnräumen. Hellauf begeistert vom pulsierenden Leben in den Cafés und Bars der näheren Umgebung genießt er bei einem leckeren Latte-Macchiato die Vorfreude auf die Erkundung des kulturellen Geschehens in seiner Nachbarschaft – was für wunderbare Abende wird er hier mit Freunden verbringen können. Und alles direkt vor der Tür. Ohne lange Anreise mit Bus oder Bahn oder nervtötender, stundenlanger Parkplatz-Suche erreichbar. Das Leben der Mittelschicht ist schön.

Die Sache hat indes diesen einen Haken, wie er schon bald bemerken wird: Die anderen Bewohner und Gäste des Viertels hören nicht auf, zu feiern, zu lachen, zu reden und zu trinken, wenn er sein Bett aufsucht … Nun, etwas mit den Sinnen wahrzunehmen, heißt noch lange nicht, es auch mit dem Verstand fassen zu können – dazwischen hat die Natur bei uns Menschen den Mechanismus des Verdrängens gesetzt, der es uns ermöglicht, die Welt ganz frei von den Zwängen der Logik zu sehen. So auch unser Neumieter: entschlossen, seine Nachtruhe nicht vom Partygeschehen um, unter und neben sich einschränken zu lassen, ruft er fortan jeden Tag, jedes Wochenende die Polizei. Erstellt Anzeige gegen die rücksichtslosen Inhaber dieser nicht auszuhaltend lärmenden Etablissements. Jeder Club kennt so einen … wird er auch diese Nacht die Party in der Bar unter seiner Wohnung beenden? Der Türmann steht schon an seinem Arbeitsplatz. Ein Kollege sagt noch schnell „Guten Tag“, bevor er sich an seine eigene Tür begibt:

„Moin! Alles gut bei euch?“
„Jo. Alles friedlich soweit. ’n paar Engländer da, die sich ab und an ausziehen, aber sonst alles top.“
„Was ist mit eurem Nachbarn? Hab‘ gehört, der hat euch neulich wieder wegen Ruhestörung angezeigt?“
„Ach, gut, dass du das erwähnst – ich muss gleich noch mal bei ihm klingeln?“
„Bei ihm klingeln? Warum?“
„Na, um zu fragen, ob wir jetzt leise genug sind. Oder vielleicht doch besser noch etwas weiter runterdrehen sollen. Und ob die Gäste auch nicht zu laut lachen.“
Der Türmann betätigt den Klingelknopf. Ein quäkendes, ebenso durchdringendes wie anhaltendes Summen ertönt. Der Türmann nimmt eine entspannte Haltung ein, belässt den Finger auf dem Mechanismus.
„Wie oft machst du das?“
„Och, so alle halbe Stunde. Muss ja sicher gehen, dass bei ihm alles in Ordnung ist. Schließlich sind wir ja alle an einer guten Nachbarschaft interessiert, nä. Deswegen mache ich das auch jede Nacht, wenn ich hier Dienst habe.“
„Ihr habt von Donnerstag bis Samstag geöffnet, oder? Was ist mit den anderen Tagen?“
„Wir haben da so einen Deal mit den Obdachlosen unten an der Ecke. Die bekommen was Ordentliches zu trinken, dürfen sich zwischendurch bei schlechtem Wetter in unserem Laden aufwärmen und der Chef ordert regelmäßig Pizza für die Jungs. Die kümmern sich im Gegenzug um unseren Nachbarn. Machen die sehr gewissenhaft, sehen das wohl auch ganz sportlich, seit der Vogel sie kurz nach seinem Einzug per Platzverweis seitens der Polizei vertreiben wollte …“
„Was machst’n, wenn er seine Klingel ausschaltet?“
„Kann er nich. Der Hausmeister, ’n alter Militärkollege von mir, hat die Signalanlage so umgebaut, dass sie nicht deaktiviert werden kann.“
„Feine Sache. Na, ich muss los – Schicht fängt gleich an … wir haben da ja auch so einen Ruhenzonen-Bewohner überm Laden. Der behauptet ja immer, dass wir bei uns im Laden nichts gegen die Raucher unternähmen. Zeigt uns immer deswegen an. Sagt, dass wir uns unsere Schankgenehmigung bald an die Backe schmieren können. Wollte ja längst mal mit dem „reden“, aber unser Chef will das nicht. Er meint, wir können hier nicht wie in alten Kiez-Tagen reagieren; die Zeiten wären vorbei. Wenn ich jetzt so überlege … der hat, glaube ich, „Hells Bells“ von AC/DC als Türklingel-Ton … ich denke, da lässt sich was machen … Ruhige Schicht, mein Lieber!“
„Jo, ruhige Schicht, Kollege – ach guck, ich könnte ja auch mal wieder auf’s Knöpfchen drücken. So rein aus Nachbarschaftspflege, nä. Oder ihm ne Pizza bestellen …“

Sarkasmuskrampf dank Fremdgetränk

Bei dem aus meiner Sicht doch recht einfachen Prinzip des Fremdgetränks scheint es sich in Wahrheit um eine höchst geheimnisvolle oder komplizierte Geschichte zu handeln. Anders könnte ich es mir sonst nicht erklären, warum ich jedes Wochenende in meiner Eigenschaft als Türsteher dutzendfach erläutern muss, worum es sich dabei wohl handeln möge und weshalb der just vor mir stehende, empörte Gast selbiges nicht mit in die Bar nehmen darf …

Was genau ist ein Fremdgetränk? Nun, ich möchte das einmal an einem Beispiel verdeutlichen: Ein Gast marschiert mit einem 1-Liter-Tetrapack Aldi-Rotwein in der Hand fröhlich durch den Clubeingang nach drinnen. Man hält ihn auf:

Hey, was hast du denn vor?“

Wieso? Ich will da rein!“

Und was soll das mit dem Fremdgetränk da in deiner Hand?“

Welches Fremdgetränk?“

Na, der Tetrapack da, mit dem zweifelhaften Inhalt!“

Oh, das ist kein Fremdgetränk, das habe ich bei euch gekauft …“

Nun, jetzt wird es natürlich ein klein wenig haarig. Aus meiner nunmehr reichlich langjährigen Kneipenerfahrung kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass ich noch nie, noch niemals, mein Geld auf einen Tresen gelegt und dafür im Gegenzug ein Tetrapack mit welchem Inhalt auch immer ausgehändigt bekommen habe. Ich möchte sogar soweit gehen zu behaupten, dass es nirgendwo in unserem schönen Land je zu einer solchen Tauschaktion gekommen ist. Prinzipiell nicht. Ein weiterer Verdachtsmoment, dass es sich bei dem ominösen Getränkegebinde um einen clubfremden Drink handeln könnte, ergibt sich aus dem auf der Verpackung angegebenen Inhalt: „1A-ungarischer Gewürztraminer“ … „Leute, so etwas Gutes verkaufen wir hier garantiert nicht. Auf dem Hamburger Berg bedienen wir ein Publikum, dass vorwiegend aus Pinneberger Touris und schwäbischen Studenten besteht – hier wird der Rotwein in Eimern mit Schläuchen und Trichtern kredenzt und die Club-Mate mit drei Trinkhalmen für die Kommilitonen!“

Der nächste Spaßvogel hat in seinem Rucksack ein ganzes Sammelsurium ungeöffneter Bierdosen – mit den Worten, „nein, ist es nicht“, komme ich seinem Einwand, „das ist von euch“, zuvor. Er blinzelt verwirrt ob meiner Gedankenleserei, bleibt aber im Eingang stehen, um offensichtlich in aller Seelenruhe eine nach der anderen laut schlürfend auszutrinken, während alle anderen Gäste hinter ihm Schlange stehen müssen.

Kleiner Zwischenstopp mit einem grundsätzlichen Hinweis: jede, wie auch immer geartete Flüssigkeit, die zum menschlichen Verzehr geeignet ist, sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet und nicht in der Location hinter dem Türmann erworben wurde, ist ein Fremdgetränk und darf nicht, ich betone, darf niemals und nirgendwo mit hinein genommen werden. „Ok, hast du irgendwelche Getränke dabei?“, „Nein, natürlich nicht!“, „Darf ich deine Tasche mal anfassen?“, „Hier, bitte“, „Nimmst du bitte die Flasche heraus und stellst sie da vorne hin?“, „Aber, das ist doch nur Wasser … Aber, die ist doch aus Plastik!“

Nächster Gast: „Hast du nicht irgendetwas vergessen?“, „Wieso, was denn?“, „Zum Beispiel die große Flasche, die du eben noch schnell innen in deinen Ärmel geschoben hast?“, „Ach, die!“, „Stell sie da vorne in den Eingang.“, „Darf ich die nicht mitnehmen?“, „Nein, natürlich nicht!“, „Warum denn nicht? Ihr habt doch kein BoomBoomGalore! Und das ist doch der neue Szenedrink, den muss man jetzt trinken!“, „Dann geh bitte dorthin, wo man dein grauenvolles Geschlabber verkauft.“, „Ich will aber hier rein!“, „Dann stell deine Flasche da vorne hin.“, „Darf ich die echt nicht mit reinnehmen?“, „Neien!“, „Oh Mann, ihr seid so anstrengend. Ist es denn in Ordnung, wenn ich die hier draußen austrinke?“, „Du kannst damit alles Mögliche machen, nur eben nicht mit rein nehmen.“, „Ok, dann stelle ich sie hier hin, gehe rein und trinke dann immer hier draußen.“, „Kannst du gerne so machen, nur, spätestens beim zweiten Mal lasse ich dich dann nicht mehr in den Club.“, „Wieso das denn nicht?!“, „Hey, wie stellst du dir das vor, das wäre doch genau dasselbe, als würdest du dein Fremdgetränk hineinschmuggeln. In beiden Fällen konsumierst du hier nichts!“, „Aber, guck mal, dafür gehe ich doch die ganze Nacht bei euch auf’s Klo!“!“

Die prinzipielle Konfrontation „Gast versus Türmann“ in punkto Fremdgetränk gipfelt aber für mich immer in einer ganz speziellen Entgegnung.

Halt! Wo willst du denn mit diesem komischen Becher hin?“, „Wieso?“, „Der ist nicht von uns, der bleibt draußen!“, „Bist du sicher?“, „Selbstverständlich bin ich sicher. Erstens: komm mir nicht komisch und Zweitens: Wir haben ganz bestimmt kein Bier der Marke „Beckenbauers Brezelbräu!“, „Das habe ich nebenan gekauft. Wieso darf ich den Becher dann nicht hier mit hinein nehmen? Ihr gehört doch sowieso alle zusammen!“

Ich weiß wirklich nicht, woher diese seltsame Überzeugung – alle Kiezgastronomien wären irgendwie eine große Gemeinschaft – eigentlich stammt. Allerdings muss ich mir diese mit größter Inbrunst geäußerte Vermutung sehr häufig anhören. Wie stellen sich Kiezbesucher das eigentlich vor? Nach dem Prinzip, alle Clubs, Discos und Kneipen schmeißen morgens nach der großen Party ihre Einnahmen während einer konspirativen Kellersitzung in einen gewaltigen Topf und dann wird alles mit Hilfe einer komplexen mathematischen Formel über die Quadratmeterzahl der jeweiligen Schankflächen anteilig abgerechnet? Wahrscheinlich ertönt dort dann in der Gästefantasie auch ein fortwährendes, piratenartiges „Harr-Harr“-Gelächter, denn der Rotlichtbezirk wird ja wie allgemein bekannt durchweg von gefährlichen Gangstern bevölkert! Ich darf da gar nicht drüber nachdenken, sonst bekomme ich noch einen Sarkasmuskrampf.

Früher habe ich mich meist dazu hinreißen lassen, Gästen mit Fremdgetränken zu erläutern, dass wir entgegen anderslautender Gerüchte nicht von der Stadt subventionierte Unterhaltungsbetriebe seien, sondern tatsächlich sämtliche Kosten, Mieten und Löhne über den Verkauf von Getränken finanzierten und das Einschmuggeln von fremden Drinks tatsächlich uns Stück für Stück ruinieren würde und wir früher oder später schließen müssten. Das war früher. Mittlerweile formuliere ich es so, dass alle Gäste es auch um vier Uhr nachts noch verstehen und akzeptieren können:

Wieso darf ich mein Getränk nicht mit reinnehmen?

Weil das scheiße schmeckt!

Oh, ach so! Ok, das sehe ich ein …

Und langsam löst sich mein Sarkasmuskrampf wieder und ich kann gelockert den Rest der Türschicht angehen.