Saubere Sache

Schöner Türstehen an lauen Sommerabenden
Bierbrauerei-Festtage mit anschließender Aftershow auf dem Hamburger Berg bei T-Shirt-Temperaturen übersteigen definitiv das Fassungsvermögen vieler Kiez-Neulinge: Überall sind junge Feiereinsteiger beim Ritual der ruckartigen Verbeugung zu erleben, die dem schwungvollen Rückwärtstrinken vorausgeht, bei dem ein langer Partytag zur traditionellen Dokumentation auf dem Trottoir ausgebreitet wird.
 
Als Gästebetreuungsprofis mit langjähriger Erfahrung bringen die diensthabenden Türsteher nun sogleich ihre vorbereiteten Nachspülmittel-Eimer großzügig gegen die Spuren der künstlerischen Straßenpizzabäcker-Performance zum Einsatz. Wohlriechend steigen die Seifendüfte empor in die laue Abendluft. Die bunten Lichter der Bars und Clubs spiegeln sich geheimnisvoll schillernd hier und da in den Lachen und Pfützen. In die stampfende Beschallung aus den weit offenen Eingängen der Bars und Kneipen mischt sich ein fröhliches Rauschen und Plätschern ablaufenden Wassers. Ein Hauch maritimen Flairs entsteht.
 
Hier und da wird ein Gast, der sich zuvor zur regenerierenden Meditation auf dem Gehsteig niedergelassen hatte, von der reinigenden Seifenbrandung mit in den Rinnstein gespült. Von Kennern als Partymaschinen-Kurzwaschgang hoch geschätzt, ermöglicht dieser Gesamtvorgang eine vollständige Säuberung des Gästekörpers. Innerlich wie äußerlich.
 
Frisch gereinigt verharrt der Bergbesucher dann geduldig im Rinnstein, bis er nach vollständiger Durchtrocknung erfrischt am Feiergeschehen teilnehmen kann. Die Freude ist groß, die Kleidung nun unifarben.
 
Es ist ein sommerliches Wochenende auf dem Hamburger Berg. Und wieder einmal wird allen Party-Elementen – den flüssigen wie den festen – gründlich und enthusiastisch gehuldigt.
 
Eine rundum saubere Sache.

Sprengstoffgürtel muss draußen bleiben

​Schöner Türstehen in Zeiten der Bedrohung

„Einmal abtasten …“,

„Kein Ding.“

„Den Sprengstoffgürtel musst du aber draußen lassen.“

„Echt?“

„Ja, pack ihn da in die Kiste. Kannst ihn nachher wieder mitnehmen.“

„Den habe ich aber bei euch gekauft!“

„Die verkaufen wir nicht.“

„Und wenn ich dir verspreche, ihn drinnen nicht zu benutzen?“

„Ja nee, das sagen alle und hinterher will’s wieder keiner gewesen sein.“

„Wenn ich ihn hier in die Kiste lege, kriege ich den Gürtel dann nachher wirklich wieder zurück?“

„Wenn er noch da ist, kannst du ihn nachher wieder mitnehmen.“

„Du passt aber drauf auf!“

„Tut mir Leid, ich kann leider nicht auf deinen Sprengstoffgürtel aufpassen. Aber normalerweise kommen die nicht weg.“

„Kann ich ihn zwischendurch mal haben? Ich bleibe auch im Eingang.“

„Nein, du darfst deinen Sprengstoffgürtel leider nicht im Eingang benutzen! Das wäre doch fast das selbe, als würde ich dich damit reinlassen. Das ist ja Quatsch …“

„Och menno, dann gehe ich jetzt woanders hin. Wo man sich nicht so anstellt, bloß weil man mal einen kleinen Sprengstoffgürtel mitbringt … außerdem: ich kaufe doch sowieso später bei euch einen neuen, wenn der alte verbraucht ist, wo ist denn da das Problem, sach ma?“

„Wie gesagt, wir verkaufen die hier nicht.“

„Ihr seid solche Spießer!“

„Yo …“

Es bleibt schwierig …

Sarkasmuskrampf dank Fremdgetränk

Bei dem aus meiner Sicht doch recht einfachen Prinzip des Fremdgetränks scheint es sich in Wahrheit um eine höchst geheimnisvolle oder komplizierte Geschichte zu handeln. Anders könnte ich es mir sonst nicht erklären, warum ich jedes Wochenende in meiner Eigenschaft als Türsteher dutzendfach erläutern muss, worum es sich dabei wohl handeln möge und weshalb der just vor mir stehende, empörte Gast selbiges nicht mit in die Bar nehmen darf …

Was genau ist ein Fremdgetränk? Nun, ich möchte das einmal an einem Beispiel verdeutlichen: Ein Gast marschiert mit einem 1-Liter-Tetrapack Aldi-Rotwein in der Hand fröhlich durch den Clubeingang nach drinnen. Man hält ihn auf:

Hey, was hast du denn vor?“

Wieso? Ich will da rein!“

Und was soll das mit dem Fremdgetränk da in deiner Hand?“

Welches Fremdgetränk?“

Na, der Tetrapack da, mit dem zweifelhaften Inhalt!“

Oh, das ist kein Fremdgetränk, das habe ich bei euch gekauft …“

Nun, jetzt wird es natürlich ein klein wenig haarig. Aus meiner nunmehr reichlich langjährigen Kneipenerfahrung kann ich mit ziemlicher Sicherheit behaupten, dass ich noch nie, noch niemals, mein Geld auf einen Tresen gelegt und dafür im Gegenzug ein Tetrapack mit welchem Inhalt auch immer ausgehändigt bekommen habe. Ich möchte sogar soweit gehen zu behaupten, dass es nirgendwo in unserem schönen Land je zu einer solchen Tauschaktion gekommen ist. Prinzipiell nicht. Ein weiterer Verdachtsmoment, dass es sich bei dem ominösen Getränkegebinde um einen clubfremden Drink handeln könnte, ergibt sich aus dem auf der Verpackung angegebenen Inhalt: „1A-ungarischer Gewürztraminer“ … „Leute, so etwas Gutes verkaufen wir hier garantiert nicht. Auf dem Hamburger Berg bedienen wir ein Publikum, dass vorwiegend aus Pinneberger Touris und schwäbischen Studenten besteht – hier wird der Rotwein in Eimern mit Schläuchen und Trichtern kredenzt und die Club-Mate mit drei Trinkhalmen für die Kommilitonen!“

Der nächste Spaßvogel hat in seinem Rucksack ein ganzes Sammelsurium ungeöffneter Bierdosen – mit den Worten, „nein, ist es nicht“, komme ich seinem Einwand, „das ist von euch“, zuvor. Er blinzelt verwirrt ob meiner Gedankenleserei, bleibt aber im Eingang stehen, um offensichtlich in aller Seelenruhe eine nach der anderen laut schlürfend auszutrinken, während alle anderen Gäste hinter ihm Schlange stehen müssen.

Kleiner Zwischenstopp mit einem grundsätzlichen Hinweis: jede, wie auch immer geartete Flüssigkeit, die zum menschlichen Verzehr geeignet ist, sich außerhalb des Gästekörpers in einem Behältnis befindet und nicht in der Location hinter dem Türmann erworben wurde, ist ein Fremdgetränk und darf nicht, ich betone, darf niemals und nirgendwo mit hinein genommen werden. „Ok, hast du irgendwelche Getränke dabei?“, „Nein, natürlich nicht!“, „Darf ich deine Tasche mal anfassen?“, „Hier, bitte“, „Nimmst du bitte die Flasche heraus und stellst sie da vorne hin?“, „Aber, das ist doch nur Wasser … Aber, die ist doch aus Plastik!“

Nächster Gast: „Hast du nicht irgendetwas vergessen?“, „Wieso, was denn?“, „Zum Beispiel die große Flasche, die du eben noch schnell innen in deinen Ärmel geschoben hast?“, „Ach, die!“, „Stell sie da vorne in den Eingang.“, „Darf ich die nicht mitnehmen?“, „Nein, natürlich nicht!“, „Warum denn nicht? Ihr habt doch kein BoomBoomGalore! Und das ist doch der neue Szenedrink, den muss man jetzt trinken!“, „Dann geh bitte dorthin, wo man dein grauenvolles Geschlabber verkauft.“, „Ich will aber hier rein!“, „Dann stell deine Flasche da vorne hin.“, „Darf ich die echt nicht mit reinnehmen?“, „Neien!“, „Oh Mann, ihr seid so anstrengend. Ist es denn in Ordnung, wenn ich die hier draußen austrinke?“, „Du kannst damit alles Mögliche machen, nur eben nicht mit rein nehmen.“, „Ok, dann stelle ich sie hier hin, gehe rein und trinke dann immer hier draußen.“, „Kannst du gerne so machen, nur, spätestens beim zweiten Mal lasse ich dich dann nicht mehr in den Club.“, „Wieso das denn nicht?!“, „Hey, wie stellst du dir das vor, das wäre doch genau dasselbe, als würdest du dein Fremdgetränk hineinschmuggeln. In beiden Fällen konsumierst du hier nichts!“, „Aber, guck mal, dafür gehe ich doch die ganze Nacht bei euch auf’s Klo!“!“

Die prinzipielle Konfrontation „Gast versus Türmann“ in punkto Fremdgetränk gipfelt aber für mich immer in einer ganz speziellen Entgegnung.

Halt! Wo willst du denn mit diesem komischen Becher hin?“, „Wieso?“, „Der ist nicht von uns, der bleibt draußen!“, „Bist du sicher?“, „Selbstverständlich bin ich sicher. Erstens: komm mir nicht komisch und Zweitens: Wir haben ganz bestimmt kein Bier der Marke „Beckenbauers Brezelbräu!“, „Das habe ich nebenan gekauft. Wieso darf ich den Becher dann nicht hier mit hinein nehmen? Ihr gehört doch sowieso alle zusammen!“

Ich weiß wirklich nicht, woher diese seltsame Überzeugung – alle Kiezgastronomien wären irgendwie eine große Gemeinschaft – eigentlich stammt. Allerdings muss ich mir diese mit größter Inbrunst geäußerte Vermutung sehr häufig anhören. Wie stellen sich Kiezbesucher das eigentlich vor? Nach dem Prinzip, alle Clubs, Discos und Kneipen schmeißen morgens nach der großen Party ihre Einnahmen während einer konspirativen Kellersitzung in einen gewaltigen Topf und dann wird alles mit Hilfe einer komplexen mathematischen Formel über die Quadratmeterzahl der jeweiligen Schankflächen anteilig abgerechnet? Wahrscheinlich ertönt dort dann in der Gästefantasie auch ein fortwährendes, piratenartiges „Harr-Harr“-Gelächter, denn der Rotlichtbezirk wird ja wie allgemein bekannt durchweg von gefährlichen Gangstern bevölkert! Ich darf da gar nicht drüber nachdenken, sonst bekomme ich noch einen Sarkasmuskrampf.

Früher habe ich mich meist dazu hinreißen lassen, Gästen mit Fremdgetränken zu erläutern, dass wir entgegen anderslautender Gerüchte nicht von der Stadt subventionierte Unterhaltungsbetriebe seien, sondern tatsächlich sämtliche Kosten, Mieten und Löhne über den Verkauf von Getränken finanzierten und das Einschmuggeln von fremden Drinks tatsächlich uns Stück für Stück ruinieren würde und wir früher oder später schließen müssten. Das war früher. Mittlerweile formuliere ich es so, dass alle Gäste es auch um vier Uhr nachts noch verstehen und akzeptieren können:

Wieso darf ich mein Getränk nicht mit reinnehmen?

Weil das scheiße schmeckt!

Oh, ach so! Ok, das sehe ich ein …

Und langsam löst sich mein Sarkasmuskrampf wieder und ich kann gelockert den Rest der Türschicht angehen.