Wenn der Hipsterpapa mit dem Sohne …

Neulich vorm Supermarkt

Szenen aus den Ausläufern des Quartier 21; des gentrifizierten Teils von Barmbek-Nord. Ein moderner Hipsterpapa bringt seinem kleinen Sohn das Fahrradfahren bei.

Der Sohn ist exakt genauso gewandet wie sein mutmaßlicher Erzeuger: Hochgekrempelte, lachsfarbene Skinny-Hose zu hellgrünem, knielangem Shirt und leuchtend rosa Flip-Flops. Seine Haare sind ebenfalls zu einem wackelnden, schrumpkopfähnlichen Dutt zusammengebunden. Nur Daddys kinnlangziehender Schwarzbart fehlt im Ensemble.

Er müht sich redlich, sein Fahrrad – eine Miniaturausgabe des Fixies seines Vaters – in Bewegung zu setzen. Und scheitert wiederholt. Verliert beim Pedal-Balancieren auf der hohen 1-Gang-Übersetzung des filigranen Nichtbewegungsmittels jedes Mal das Gleichgewicht, bevor er auf ein stabilisierendes Tempo beschleunigen kann. Hadert zudem sichtlich mit dem schmalen Lenker und der engen Griffweite.

Ich schlage zur Abhilfe einen Bart zum Ankleben vor.

Hipsterpapa versteht nicht, runzelt die Stirn. Ich erläutere, dass Sohnemann so quadratbartlos kein stimmiges Gesamtbild ergäbe und daher unmöglich die nötige Mobilitätseleganz entwickeln könne. Hipster-Gen-Weitergeber versteht noch immer nicht, seine Mono-Braue zieht sich wie eine Raupe kurz vorm Blätter-Sprung in der Gesichtsmitte zusammen und ein Mundwinkel verzerrt sich in einem gequälten „Hä?!“. Leises Gekicher der Umstehenden schwillt an.

Ich schwinge mich auf mein eigenes Fahrrad und radle von dannen. Begleitet vom traurigen Blick des Bonsai-Hipsters auf seinem widerspenstigen Mini-Fixie. Er tut mir leid. Er kann ja nichts dafür, dass er unter schwierigen Bedingungen mit mangelnder Chancengleichheit aufwachsen muss. Ich wünsche ihm Glück und hoffe, dass er sich trotz allem durchbeißen kann und seinen Weg im Leben findet.

Es bleibt schwierig …

Elbhipster

Kleine sonntägliche Radtour durch die Heimatstadt. Mit Kindheitsviertelabstecher und Am-Hafen-Herumgelungere.

Schöner Dialog mit einem hipsterigen Großgrundbesitzer auf der Wilhelmsburger Elbseite:

„Ja nee, da dürfen Sie sich nicht aufhalten. Das ist privat!“

Der Quadratbart mit der großzügig pomadisierten Querfrisur fuchtelt mit einem Bratspatel aus seinem Fahrzeug zu mir herüber. Ich stehe am steinigen Elbstrand. Es ist die Stelle, an die ich mich als Kind immer zurückzog, wenn es mir mit den anderen Menschen um mich herum zu viel wurde. Nach vielen vielen Jahren bin ich mal wieder hier.

„Ach echt? Hier hing ich als Kind immer herum. Das war hier alles Brachland.“

„Das ist hier jetzt alles verpachtet. Für die Touri-Gastro. Neben meinem Foodtruck steht hier demnächst noch ein Juice- und Smoothietruck. Kommen viele Städtereisende von den Landungsbrücken herüber. Durch den Alten Elbtunnel. Die wollen alle versorgt sein. Kommen Sie mal da wieder weg, da dürfen Sie nicht durch.“

„Alles gut, ich lasse Ihnen ja gern die Deutungshoheit über mein altes Viertel. Dafür haben Sie schließlich bestimmt gutes Geld bezahlt. Außerdem verdient ja auch diese Elbseite ihr Quantum Gentrifizierung.“

„Ja nee, das ist hier alles Lokalkolorit. Alles naturbelassenes Industrieviertel. Unbezahlbar sowas. Und die Gebäude stehen alle leer und verfallen ganz malerisch.“

„Das liegt am großen Industriesterben im Hafen. Das fing schon in den 1980ern an. Da wurden hier alle arbeitslos.“

„Abandoned places. Verlassene Orte. Ganz hervorragend als Kulisse für das kulinarische Erlebnis. Echte Industriefolklore. Und so schön frei von Gestank, da ja kein Schlot mehr raucht.“

„Oh, Folklore haben wir hier ganz viel. Zum Beispiel die unzähligen Blindgänger.“

„Hä?“

„Na, die Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg, die hier in Riesenmenge herabregneten. Von denen etliche nicht hochgingen.“

„Äh …“

„Ja, die faulen hier überall im Boden vor sich hin. Ab und an geht eine hoch. Oder wird rechtzeitig gefunden und entschärft.“

„Ja, aber …“

„Genau hier gingen die meisten runter.“

„Äh …“

„Aber machen Sie sich mal keine Sorgen, solange Sie nicht exzessiv mit ihrem Lkw herumrangieren, sollte eigentlich nichts passieren … und außerdem ist das Ding ja nicht so schwer, oder? Bei mehr als zwei Tonnen Fahrzeuggesamtlast verdichtet der Boden stark genug, um auch Bomben in größerem Umkreis zur Detonation zu bringen … Vielleicht sollten Sie nicht zu viele Leute gleichzeitig in die Nähe des Fahrzeugs lassen. Wäre ja zusätzliches Gewicht, nä. Na, Sie machen das schon. Tschühüüss.“

Es war auch wirklich an der Zeit, weiterzufahren. Die Sonne schien so schön.