Es perlt in Dauerschleife

Nachbarschaftsfest im Innenhof. Feine Sache. Mehrere Pavillons wurden aufgebaut. Es wird gegrillt, viele Leute sind da. Gelächter und Stimmen hallen durchs Häusergeviert. Ein Dj macht Musik. Wenn doch bloß nicht schon drei bis vier Mal hintereinander „Hamburg, mein Perle“ ertönt wäre. Ist einfach nicht so richtig mein Ding, der Song. Jetzt tritt eine Live-Sängerin vors Mikro. Sie ist nicht schlecht. Im Gegenteil, sie beherrscht ihr Handwerk; hat eine weit tragende Stimme. Leider nur ist „Hamburg, meine Perle“ auch live immer noch „Hamburg, meine Perle“ …

Bewerten Sie!

Nein, lieber universeller Algorithmus, ich habe keine Lust, jedes frisch erworbene Paket Toastbrot, jeden Aufenthalt im Fitnessstudio, jeden Gang zur Imbissbude zu bewerten.

Eigentlich möchte ich bloß still an einem See sitzen. Oder am Meer. Aber wahrscheinlich wirst du mich hinterher gleich fragen, wie ich das Wellenerlebnis fand, ob der Sand körnig genug war und wie viele Sterne ich dem Sonnenuntergang verleihe.

Heute Abend stehe ich wieder vor meiner Kieztür. Da kannst du dann die Gäste befragen, die ich wegen sturer Qualmerei im Nichtraucherbereich aus dem Club geleiten werde, wie sie den Rauswurf fanden. Ob er eloquent vonstatten ging, warum er überhaupt stattfand, wo sie doch eigentlich gar nichts gemacht hätten. Zumal die Regeln doch völlig doof sind, in die sie zuvor mit ihrem Betreten der Location eingewilligt hatten.

Seh-Fitness dank regelmäßigem Augentraining

Angebraunte Facebook-Beiträge

Mehrfach täglich ploppen Beiträge aus dubiosen Verschwörungstheoretiker-Seiten oder verkappt rechtsesoterischen Meinungsbildner-Profilen in meine Facebook-Timeline.

Geteilt von Freunden und Bekannten, die (eigentlich) ganz in Ordnung sind. Ist es Ignoranz? Oder das Zurückscheuen vorm mühseligen Quellencheck? Womöglich mausgerutscht? Vielleicht auch hysterischer Titelzeilen-Köderreflex?

Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nie erfahren.

Allerdings hat diese eigentlich sehr unangenehme Zeiterscheinung einen durchaus positiven Nebeneffekt: Dank des regelmäßigen Augenrollens und Augenverdrehens ist die Muskulatur meiner Guckies top in Form – ja: ich meine sogar, eine gewisse Verbesserung der Sehfähigkeit zu verspüren.

Leider jedoch kann ich dadurch den gruseligen Inhalt der geteilten, halbseidenen Beiträge noch besser erfassen … perpetuum horribile …

Privatspähre gewahrt

*klingelingeling*

Lieber Anrufer mit der unterdrückten Nummer, der du mich seit zwei Tagen mit perfektem Timing immer dann zu erreichen versuchst, während ich gerade vor einem Mikrofon im Tonstudio stehe: selbst einem technikbegeisterten Menschen wir mir ist der Rückruf bei „Privater Nummer“ nahezu unmöglich.

Sollte es also deine Motivation sein, ungestört zu bleiben, so hast du dein Ziel gänzlich erreicht. Vielleicht mal eine Postkarte ohne Absender ausprobieren oder eine e-mail mit kryptischem Buchstabendreher zur Abwechslung? Du könntest dich natürlich auch irgendwo in Australien ins Outback stellen und dezent „Hallo? Hallo? Hallohoo?“ sagen.

Oder wie wäre es mit einem Versuch intensiver Gedankenübertragung? Telepathie soll ja nicht völlig utopisch sein, wenn man nur nahe genug beieinander steht. Zumindest im Vergleich zum Anruf mit geheimer Verbindungsnummer.

Vielleicht habe ich ja auch irgendwo noch einen verstaubten Palantir im Keller herumliegen. Einfach mal hineinstarren und auf Verbindung hoffen …

Wenn der Hipsterpapa mit dem Sohne …

Neulich vorm Supermarkt

Szenen aus den Ausläufern des Quartier 21; des gentrifizierten Teils von Barmbek-Nord. Ein moderner Hipsterpapa bringt seinem kleinen Sohn das Fahrradfahren bei.

Der Sohn ist exakt genauso gewandet wie sein mutmaßlicher Erzeuger: Hochgekrempelte, lachsfarbene Skinny-Hose zu hellgrünem, knielangem Shirt und leuchtend rosa Flip-Flops. Seine Haare sind ebenfalls zu einem wackelnden, schrumpkopfähnlichen Dutt zusammengebunden. Nur Daddys kinnlangziehender Schwarzbart fehlt im Ensemble.

Er müht sich redlich, sein Fahrrad – eine Miniaturausgabe des Fixies seines Vaters – in Bewegung zu setzen. Und scheitert wiederholt. Verliert beim Pedal-Balancieren auf der hohen 1-Gang-Übersetzung des filigranen Nichtbewegungsmittels jedes Mal das Gleichgewicht, bevor er auf ein stabilisierendes Tempo beschleunigen kann. Hadert zudem sichtlich mit dem schmalen Lenker und der engen Griffweite.

Ich schlage zur Abhilfe einen Bart zum Ankleben vor.

Hipsterpapa versteht nicht, runzelt die Stirn. Ich erläutere, dass Sohnemann so quadratbartlos kein stimmiges Gesamtbild ergäbe und daher unmöglich die nötige Mobilitätseleganz entwickeln könne. Hipster-Gen-Weitergeber versteht noch immer nicht, seine Mono-Braue zieht sich wie eine Raupe kurz vorm Blätter-Sprung in der Gesichtsmitte zusammen und ein Mundwinkel verzerrt sich in einem gequälten „Hä?!“. Leises Gekicher der Umstehenden schwillt an.

Ich schwinge mich auf mein eigenes Fahrrad und radle von dannen. Begleitet vom traurigen Blick des Bonsai-Hipsters auf seinem widerspenstigen Mini-Fixie. Er tut mir leid. Er kann ja nichts dafür, dass er unter schwierigen Bedingungen mit mangelnder Chancengleichheit aufwachsen muss. Ich wünsche ihm Glück und hoffe, dass er sich trotz allem durchbeißen kann und seinen Weg im Leben findet.

Es bleibt schwierig …

Unterwegs im ÖPVN

Tapferes Timing

Am Bahnhof Barmbek steht eine junge Frau und spielt sehr virtuos Querflöte. Ich warte in der Nähe auf meinen Bus. Sie intoniert die Titelmelodie der Serie „Game of Thrones“. Um uns herum luftig-sommerlich gekleidete Menschen in der warmen Brise des späten Mai-Nachmittags. Ich muss zugeben: das in den Klängen mitschwingende „Winter is coming“ kann in dieser Atmosphäre nur einen Bruchteil seiner ureigenen Bedrohlichkeit entfalten.

Melanchometeorologie

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass es in Hamburg ständig regne. Es gibt etliche andere Orte in Deutschland mit signifikant höherer Niederschlagsmenge.
Man denkt in Hamburg bloß, das Wetter wäre dauernd mies, weil der Himmel immer grau ist. Ok, trist ist es daher natürlich trotzdem, aber eben bedeutend häufiger trocken-trist als nass-trist.
Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Weihnachtszeit – IT-Problemzeit

Repairing home for Christmas

Schon klar, es liegt in der Natur der Sache, dass Eltern für gewöhnlich ältere Leute sind. Und alte Menschen erweisen sich zumeist als technikfeindlich oder aber unerwartet originell beim Finden von Fehlbedienungsmöglichkeiten. Es ist also viel Wahres daran, dass die Weihnachtszeit vor allem auch eine Zeit der IT-Reparaturen im Elternhause ist. Bedenkt bei aller berechtigten Spöttelei aber stets, dass diese Leute euch die ersten zehn Jahre eures Lebens die Windeln wechseln mussten – und jetzt ratet doch mal, wer mehr Kagge gebaut hat …

Verkehrsgeschehen

Kurze Pause

„Das steht mir zu!“
Nach acht Stunden ohne Ablösung beschloss Fabio, das Fahrtrichtungsschild, eine kleine Pause ein- und sich kurz abzulegen. Der Job des „Hier rechts vorbeifahren“-Anzeigens verlangte bei diesen eisigen Temperaturen auch einem so erfahrenen Verkehrsschild wie Fabio einiges ab.
„Außerdem“, wie der randseitig scharfkantige Verkehrsexperte noch einmal entschieden betonte, „steht mir die Pause gewerkschaftlich zu. Die Liegsabbieger hier in Steilshoop kommen auch mal eine halbe Stunde lang ohne mich klar. Zudem: ein kleines Nickerchen schärft die Sinne und sorgt anschließend wieder für die nötige Konzentration im Job!“
Tja, wer würde es ihm missgönnen.

Heldenhafte Nachbarn

Heute: Der Parkplatzkenner

„Dieser Parkplatz ist vollkommen legal!“, Schowanni Eigenlob, junger Familienvater und Nachbar aus Leidenschaft, verstand die erneute Aufregung über den Stammabstellplatz seines Kfz einfach nicht. Wie üblich kühlte sein ganzer Stolz, der playmobil-blaue Kombi bayerischer Fertigung, direkt vor dem Metallgatter des Gebäudetunnels ab.

In lang vergangenen Tagen stellte dieser den Zugang für die Zuliefererkarren in die Innenhof-Werkstätten des typischen Hamburger Miethaus-Quarrees dar. Die Handwerksbetriebe waren schon vor langer Zeit verschwunden und der Innenhof barg jetzt eine kleine Parkanlage mit Spielplatz, mehreren Fahrradstellplätzen sowie die Mülltonnen der Wohnanlage. Selbige müssen einmal pro Woche zur Entleerung seitens der Stadtreinigung vom Hausverwalter durch den Durchgang auf die Straße geschoben werden.

„Es ist nicht verboten, vor dem Durchgang zu parken! Ich sehe nirgendwo ein Schild, dass das Halten oder Parken an dieser Stelle untersagt!“, Schowanni schwoll schon wieder der Kamm.

Nun, tatsächlich hatte die Hamburger Behörde für Verkehr, Wirtschaft und Innovation hier bisher noch keinerlei Gebots- oder Verbotsschilder installiert. Das war auch nicht nötig – sämtliche übrigen Mieter der vier Wohnhäuser in der kleinen Straße wussten um die Wichtigkeit des freien Weges zwecks Müllentfernung und hielten den Platz vor dem Durchgang penibel frei.

„Tja, was ich kann ich dafür, wenn die anderen alle so doof sind? Guck, die Stelle ist ja noch nicht einmal als Feuerwehrzufahrt ausgewiesen. Es ist erlaubt, dort zu parken! Das wollen wir doch ein für alle Mal festhalten!“

Bereits zwei Mal war es zu einem Weiterfahren der Mitarbeiter der Stadtreinigung ohne Müllabholung gekommen, da es aufgrund des davorstehenden bajuwarischen Playmobils nicht möglich war, die Container durch den Tunnel auf die Straße zu schieben.

„Dann müssen die Container eben anders auf die Straße geschafft werden! Und komm‘ mir jetzt nicht wieder mit „einziger Ausgang vom Innenhof“ – das kann’s ja wohl nicht sein, wir leben schließlich im Jahr 2017. Und das ist vor allem auch überhaupt nicht mein Problem – ich habe nichts Ungesetzliches gemacht!“

Derzeit genießt Schowanni Eigenlob mit Familie einen zweiwöchigen Urlaub auf Teneriffa. Sein BMW steht sicher in der kleinen Straße. Wie gewohnt vor der Innenhof-Zufahrt. In der sich etliche, mittlerweile anrüchig überlaufende Mülltonnen zusammendrängen. Eine allerdings fällt durch erstaunliche Leere auf. Ihr Inhalt findet sich großzügig verteilt auf Dach und Motorhaube des spielzeugblauen Autos wieder.

Scheinbar ist dem Hausverwalter oder einem der anderen Mieter zwischenzeitlich der Kragen geplatzt. Mit möglicherweise ungesetzlichen, aber zumindest gefühlsmäßig befreienden und auch irgendwie lustigen Folgen …