Themenwoche Gerechtigkeit

Der NDR bat im Rahmen einer Themenwoche um Antworten rund um „Gerechtigkeit“. Auch ich durfte Rede und Antwort stehen.

ARD Themenwoche „Gerechtigkeit“

Expedition ins Unbekannte

DHL – Der Kampf geht weiter

„Zugestellt an: Nachbar, Hanse, 22309 Hamburg.“

Bisweilen kann es nicht schaden, die eigenen detektivischen Fähigkeiten abzurufen, wenn man es mit der DHL zu tun hat. Zum Beispiel beim Auffinden des Lagerungsortes, an den das Paket statt der eigenen Hausadresse geliefert wurde.

Meine Recherchen ergaben: Es existieren 14 Haushalte mit diversen Variationen des Namens „Hanse“ im Postleitzahlbereich 22309. Nun, gut ausgerüstet mit Trinkwasser- und Lebensmittelvorräten sowie festem Schuhwerk werde ich mich dann mal auf die Such- und Finde-Expedition begeben und alle abklappern.

DHL – Der Kampf geht weiter

#dhl #dhl_derkampfgehtweiter #expeditioninsUnbekannte

In den Untiefen des Alltags

Generationszwangswechsel
 
„Für den Preis von drei Brötchen kannst Du auch fünf haben.“ „Nein, danke, nett von Ihnen, aber ich möchte nur drei.“ „Ist aber derselbe Preis.“ „Nein, wirlich – drei reichen mir völlig. Die anderen beiden würde ich höchstwahrscheinlich hinterher wegwerfen.“ „Ich wollt’s Dir ja nur anbieten. Aber, wer nicht will, der hat schon.“ „Ja. Drei. Und die sind genug.“
 
Es ist ja nicht diese penetrante Aufforderung zur Völlerei, die mich bereits am frühen Morgen irritiert. Vielmehr dieses ungewohnte Duzen. Kaum habe ich mich widerstrebend daran gewöhnt, überall gesiezt zu werden, schon scheine ich in den nächsten, finalen Lebensabschnitt eingetreten zu werden. Der Generationswechsel wird von außen, von anderen definiert. Eben noch eigenverantwortlich als Herr über das eigene Leben am Backwarenerzeugnistresen stehend, steigt ein unbehagliches Gefühl in mir auf: Was folgt in Kürze? Die Altersentmündigung und Zwangsabschiebung ins Pflegeheim? Ich glaube, ich schaffe heute nur ein einziges Brötchen. Und dazu ein mit zusätzlichem Wasser verdünnter, entkoffeinierter Jakobskaffee …

Effiziente Arbeitsgestaltung

DHL – Der Kampf geht weiter

*dingdong*
„Ja, bitte?“
„Kannst Du Pakät für Müllär (Name geändert. – Die Red.) annähmän?“
„Frau Müller ist im Haus, habe eben gerade mit ihr gesprochen.“
„Abär ist ärstä Stock!“
„Nein, nur das zweite Hochparterre – einfach die drei Stufen da hoch.“
„Ist schön, kann Sie dann bei diär abholän, hat ja dann nicht weit. Dankäsähr!“ Schneller Abgang Bühne links.
„Äh …“

Man muss sich seinen Arbeitsplatz nur effizient gestalten, dann kommt auch kein Stress auf.

DHL – Der Kampf geht weiter

#dhl #dhl_derKampfgehtweiter #dhlpaket #effizienteArbeitsethik

In der Zenon-Bahn

Unterwegs im ÖPNV. Von Barmbek nach Altona. Die Bahn setzt ihre Weiterfahrt an jeder Haltestelle erst nach mehreren Minuten Stillstand fort. Sammelt wohl Bonuspunkte fürs Verspätungskonto.
Ein Kind mit recht eigentümlichem Geschmack kommentiert die Warterei auf eigene Weise: Es tunkt alle paar Augenblicke den Seifenblasenring ins Seifenblasenbehältnis und lutscht ihn hernach wie einen Lolli genießerisch ab. Kichert vergnügt. Kleine Seifenblasen steigen dabei von ihm auf und wirbeln durch den Waggon.
Wir übrigen Reisenden verharren in stiller Kontemplation, nehmen die langen Stopps als normalen Mobilitätszustand seufzend hin. Fortbewegung ist sowieso nur eine Illusion: Eine Gerade von A nach B besteht aus Punkten. Man kann sich nicht von einem zum anderen bewegen, denn ihre Zahl ist unendlich. Und es ist nicht möglich, an zwei Punkten zugleich zu sein.
Schon Zenon, der alte Vorsokratiker, wusste dies als Paradoxon des ÖPNV zu benennen: „Das Bewegte bewegt sich weder in dem Raume, in dem es ist, noch in dem Raume, in dem es nicht ist.“
Und wieder ertönt das Signal der sich schließenden Türen. Die Bahn indes rührt sich nicht von der Stelle. Wie sollte sie auch, sie kann ja nicht.

Es perlt in Dauerschleife

Nachbarschaftsfest im Innenhof. Feine Sache. Mehrere Pavillons wurden aufgebaut. Es wird gegrillt, viele Leute sind da. Gelächter und Stimmen hallen durchs Häusergeviert. Ein Dj macht Musik. Wenn doch bloß nicht schon drei bis vier Mal hintereinander „Hamburg, mein Perle“ ertönt wäre. Ist einfach nicht so richtig mein Ding, der Song. Jetzt tritt eine Live-Sängerin vors Mikro. Sie ist nicht schlecht. Im Gegenteil, sie beherrscht ihr Handwerk; hat eine weit tragende Stimme. Leider nur ist „Hamburg, meine Perle“ auch live immer noch „Hamburg, meine Perle“ …

Bewerten Sie!

Nein, lieber universeller Algorithmus, ich habe keine Lust, jedes frisch erworbene Paket Toastbrot, jeden Aufenthalt im Fitnessstudio, jeden Gang zur Imbissbude zu bewerten.

Eigentlich möchte ich bloß still an einem See sitzen. Oder am Meer. Aber wahrscheinlich wirst du mich hinterher gleich fragen, wie ich das Wellenerlebnis fand, ob der Sand körnig genug war und wie viele Sterne ich dem Sonnenuntergang verleihe.

Heute Abend stehe ich wieder vor meiner Kieztür. Da kannst du dann die Gäste befragen, die ich wegen sturer Qualmerei im Nichtraucherbereich aus dem Club geleiten werde, wie sie den Rauswurf fanden. Ob er eloquent vonstatten ging, warum er überhaupt stattfand, wo sie doch eigentlich gar nichts gemacht hätten. Zumal die Regeln doch völlig doof sind, in die sie zuvor mit ihrem Betreten der Location eingewilligt hatten.

Seh-Fitness dank regelmäßigem Augentraining

Angebraunte Facebook-Beiträge

Mehrfach täglich ploppen Beiträge aus dubiosen Verschwörungstheoretiker-Seiten oder verkappt rechtsesoterischen Meinungsbildner-Profilen in meine Facebook-Timeline.

Geteilt von Freunden und Bekannten, die (eigentlich) ganz in Ordnung sind. Ist es Ignoranz? Oder das Zurückscheuen vorm mühseligen Quellencheck? Womöglich mausgerutscht? Vielleicht auch hysterischer Titelzeilen-Köderreflex?

Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nie erfahren.

Allerdings hat diese eigentlich sehr unangenehme Zeiterscheinung einen durchaus positiven Nebeneffekt: Dank des regelmäßigen Augenrollens und Augenverdrehens ist die Muskulatur meiner Guckies top in Form – ja: ich meine sogar, eine gewisse Verbesserung der Sehfähigkeit zu verspüren.

Leider jedoch kann ich dadurch den gruseligen Inhalt der geteilten, halbseidenen Beiträge noch besser erfassen … perpetuum horribile …

Privatspähre gewahrt

*klingelingeling*

Lieber Anrufer mit der unterdrückten Nummer, der du mich seit zwei Tagen mit perfektem Timing immer dann zu erreichen versuchst, während ich gerade vor einem Mikrofon im Tonstudio stehe: selbst einem technikbegeisterten Menschen wir mir ist der Rückruf bei „Privater Nummer“ nahezu unmöglich.

Sollte es also deine Motivation sein, ungestört zu bleiben, so hast du dein Ziel gänzlich erreicht. Vielleicht mal eine Postkarte ohne Absender ausprobieren oder eine e-mail mit kryptischem Buchstabendreher zur Abwechslung? Du könntest dich natürlich auch irgendwo in Australien ins Outback stellen und dezent „Hallo? Hallo? Hallohoo?“ sagen.

Oder wie wäre es mit einem Versuch intensiver Gedankenübertragung? Telepathie soll ja nicht völlig utopisch sein, wenn man nur nahe genug beieinander steht. Zumindest im Vergleich zum Anruf mit geheimer Verbindungsnummer.

Vielleicht habe ich ja auch irgendwo noch einen verstaubten Palantir im Keller herumliegen. Einfach mal hineinstarren und auf Verbindung hoffen …

Wenn der Hipsterpapa mit dem Sohne …

Neulich vorm Supermarkt

Szenen aus den Ausläufern des Quartier 21; des gentrifizierten Teils von Barmbek-Nord. Ein moderner Hipsterpapa bringt seinem kleinen Sohn das Fahrradfahren bei.

Der Sohn ist exakt genauso gewandet wie sein mutmaßlicher Erzeuger: Hochgekrempelte, lachsfarbene Skinny-Hose zu hellgrünem, knielangem Shirt und leuchtend rosa Flip-Flops. Seine Haare sind ebenfalls zu einem wackelnden, schrumpkopfähnlichen Dutt zusammengebunden. Nur Daddys kinnlangziehender Schwarzbart fehlt im Ensemble.

Er müht sich redlich, sein Fahrrad – eine Miniaturausgabe des Fixies seines Vaters – in Bewegung zu setzen. Und scheitert wiederholt. Verliert beim Pedal-Balancieren auf der hohen 1-Gang-Übersetzung des filigranen Nichtbewegungsmittels jedes Mal das Gleichgewicht, bevor er auf ein stabilisierendes Tempo beschleunigen kann. Hadert zudem sichtlich mit dem schmalen Lenker und der engen Griffweite.

Ich schlage zur Abhilfe einen Bart zum Ankleben vor.

Hipsterpapa versteht nicht, runzelt die Stirn. Ich erläutere, dass Sohnemann so quadratbartlos kein stimmiges Gesamtbild ergäbe und daher unmöglich die nötige Mobilitätseleganz entwickeln könne. Hipster-Gen-Weitergeber versteht noch immer nicht, seine Mono-Braue zieht sich wie eine Raupe kurz vorm Blätter-Sprung in der Gesichtsmitte zusammen und ein Mundwinkel verzerrt sich in einem gequälten „Hä?!“. Leises Gekicher der Umstehenden schwillt an.

Ich schwinge mich auf mein eigenes Fahrrad und radle von dannen. Begleitet vom traurigen Blick des Bonsai-Hipsters auf seinem widerspenstigen Mini-Fixie. Er tut mir leid. Er kann ja nichts dafür, dass er unter schwierigen Bedingungen mit mangelnder Chancengleichheit aufwachsen muss. Ich wünsche ihm Glück und hoffe, dass er sich trotz allem durchbeißen kann und seinen Weg im Leben findet.

Es bleibt schwierig …