Bewerten Sie!

Nein, lieber universeller Algorithmus, ich habe keine Lust, jedes frisch erworbene Paket Toastbrot, jeden Aufenthalt im Fitnessstudio, jeden Gang zur Imbissbude zu bewerten.

Eigentlich möchte ich bloß still an einem See sitzen. Oder am Meer. Aber wahrscheinlich wirst du mich hinterher gleich fragen, wie ich das Wellenerlebnis fand, ob der Sand körnig genug war und wie viele Sterne ich dem Sonnenuntergang verleihe.

Heute Abend stehe ich wieder vor meiner Kieztür. Da kannst du dann die Gäste befragen, die ich wegen sturer Qualmerei im Nichtraucherbereich aus dem Club geleiten werde, wie sie den Rauswurf fanden. Ob er eloquent vonstatten ging, warum er überhaupt stattfand, wo sie doch eigentlich gar nichts gemacht hätten. Zumal die Regeln doch völlig doof sind, in die sie zuvor mit ihrem Betreten der Location eingewilligt hatten.

Von Gästen lernen

Schöner Türstehen. Nachdem ich der bereits nachhaltig ermahnten, hartnäckigen Raucherin im Nichtraucherbereich letzte Nacht einen fürsorglichen Türhinausbringservice angedeihen ließ, reagierte sie konsequent und erteilte mir vorm Eingang ein Hausverbot für den Club.
 
Zum Glück weiß ich dank langjähriger Kiezbesucherbeobachtung ganz genau, was jetzt zu tun ist.
 
Ich werde Sie an ihrem Arbeits-/Studiumsplatz besuchen und über mehrere Stunden vollquatschen. Dabei abwechselnd leugnen, irgendwas gemacht zu haben, Sie als Türnazi(in) beschimpfen, herumheulen, dass Sie voll gemein sei, versuchen einfach an ihr vorbeizumarschieren, ihr den Kaffee wegnehmen, abstreiten, den überhaupt angefasst zu haben, ihr ganz dicht auf die Pelle rücken, dabei erläutern, dass Sie mich nicht anfassen dürfe, wiederholt versuchen, Ihr ins Gesicht zu grapschen, Sie als Gewalttäterin beschimpfen und mit der Polizei drohen, wenn Sie versucht meine Hand wegzuschieben. Ihren Kollegen und Kolleginnen/Kommilitonen und Kommilitoninnen erläutern, dass Sie eine *hier Beleidigung einfügen* sei, Sie mich diskriminieren würde, die Regeln alle scheiße seien, ich Sie selbstverständlich nicht beleidigt hätte, ich hätte schließlich im Gegensatz zu Ihr etwas Ordentliches gelernt, versuchen, mich mit Ihr anzufreunden und, wenn Sie das ablehnte, Sie eine *hier Beleidigung einfügen* sei und unablässig fragen, was ich eigentlich gemacht hätte und entgegnen, ich hätte gar nichts gemacht, bevor Sie antworten kann und Sie voll Kagge sei und was überhaupt Ihr Problem sei. Anschließend räume ich alles ab, was auf ihrem Schreibtisch steht und schreie dabei so laut ich kann herum.
 
Wollen doch mal sehen, ob ich Sie damit nicht von meinem Wohlverhalten überzeugen kann, alles ein Irrtum sei, und sie selbstverständlich mein Hausverbot wieder aufhebt.

Seh-Fitness dank regelmäßigem Augentraining

Angebraunte Facebook-Beiträge

Mehrfach täglich ploppen Beiträge aus dubiosen Verschwörungstheoretiker-Seiten oder verkappt rechtsesoterischen Meinungsbildner-Profilen in meine Facebook-Timeline.

Geteilt von Freunden und Bekannten, die (eigentlich) ganz in Ordnung sind. Ist es Ignoranz? Oder das Zurückscheuen vorm mühseligen Quellencheck? Womöglich mausgerutscht? Vielleicht auch hysterischer Titelzeilen-Köderreflex?

Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nie erfahren.

Allerdings hat diese eigentlich sehr unangenehme Zeiterscheinung einen durchaus positiven Nebeneffekt: Dank des regelmäßigen Augenrollens und Augenverdrehens ist die Muskulatur meiner Guckies top in Form – ja: ich meine sogar, eine gewisse Verbesserung der Sehfähigkeit zu verspüren.

Leider jedoch kann ich dadurch den gruseligen Inhalt der geteilten, halbseidenen Beiträge noch besser erfassen … perpetuum horribile …

Privatspähre gewahrt

*klingelingeling*

Lieber Anrufer mit der unterdrückten Nummer, der du mich seit zwei Tagen mit perfektem Timing immer dann zu erreichen versuchst, während ich gerade vor einem Mikrofon im Tonstudio stehe: selbst einem technikbegeisterten Menschen wir mir ist der Rückruf bei „Privater Nummer“ nahezu unmöglich.

Sollte es also deine Motivation sein, ungestört zu bleiben, so hast du dein Ziel gänzlich erreicht. Vielleicht mal eine Postkarte ohne Absender ausprobieren oder eine e-mail mit kryptischem Buchstabendreher zur Abwechslung? Du könntest dich natürlich auch irgendwo in Australien ins Outback stellen und dezent „Hallo? Hallo? Hallohoo?“ sagen.

Oder wie wäre es mit einem Versuch intensiver Gedankenübertragung? Telepathie soll ja nicht völlig utopisch sein, wenn man nur nahe genug beieinander steht. Zumindest im Vergleich zum Anruf mit geheimer Verbindungsnummer.

Vielleicht habe ich ja auch irgendwo noch einen verstaubten Palantir im Keller herumliegen. Einfach mal hineinstarren und auf Verbindung hoffen …

Imagefilm-Sprechereinsatz

Hier durfte ich wieder einmal meine Stimme als Off-Sprecher einbringen.

Vom zivilisierten Umgang mit Freiberuflern und Selbstständigen

Heute: Sonntags-Kommähdie

Der aufmerksame Unternehmer sucht stets am Sonntag den Kontakt zu seinen Dienstleistern, denn an diesem Punkt der Woche ist der Servicebeauftragte am wenigsten durch andere Jobs abgelenkt und kann sich konzentriert den besonderen Erfordernissen und Wünschen des Auftraggebers widmen.

„Wie Sie am zur Verfügung gestellten Sprecherskript für den Imagefilm sicher schon bemerkt haben, neigt unsere Marketingabteilung zum ausgiebigen Gebrauch von Anglizismen. Ich möchte Sie indes bitten, diese englischen Formulierungen deutsch auszusprechen. Und zwar spürbar.“
„?“
„Ja, ich bin kein Freund dieser fremdländischen Konstrukte. Das passt auch überhaupt nicht zu unserem Kundenstamm.“
„?“
„Sehen Sie, wir sind ein Traditionsunternehmen und beliefern in erster Linie familiär geführte Handwerksbetriebe. Die können mit diesem ganzen neumodischen englischen Kram nicht um.“
„??“
„Die neue Marketingabteilung stellt einen nicht unerheblichen Kostenfaktor dar, sollen die ruhig ihre Arbeit machen. Wissen Sie, am Ende muss ich aber an unsere Kunden denken, das ist schließlich meine ureigene Verantwortung als Firmenchef. Also, sprechen Sie bitte einfach alle fremdsprachlichen Begriffe trocken urdeutsch aus, dann haben wir doch einen gangbaren Kompromiss für alle Seiten, wie ich finde. Ich wünsche Ihnen gutes Gelingen und einen schönen Sonntag. Sie können mir die Tonspur dann bis 21 Uhr schicken. Bittedanke.“

Jo. Fietbäck, Ettferteising, Kommpleiänz, Kontännt, Pablick Rehläischän, Kommörschäll, Tecknollodschieh …

Wenn der Hipsterpapa mit dem Sohne …

Neulich vorm Supermarkt

Szenen aus den Ausläufern des Quartier 21; des gentrifizierten Teils von Barmbek-Nord. Ein moderner Hipsterpapa bringt seinem kleinen Sohn das Fahrradfahren bei.

Der Sohn ist exakt genauso gewandet wie sein mutmaßlicher Erzeuger: Hochgekrempelte, lachsfarbene Skinny-Hose zu hellgrünem, knielangem Shirt und leuchtend rosa Flip-Flops. Seine Haare sind ebenfalls zu einem wackelnden, schrumpkopfähnlichen Dutt zusammengebunden. Nur Daddys kinnlangziehender Schwarzbart fehlt im Ensemble.

Er müht sich redlich, sein Fahrrad – eine Miniaturausgabe des Fixies seines Vaters – in Bewegung zu setzen. Und scheitert wiederholt. Verliert beim Pedal-Balancieren auf der hohen 1-Gang-Übersetzung des filigranen Nichtbewegungsmittels jedes Mal das Gleichgewicht, bevor er auf ein stabilisierendes Tempo beschleunigen kann. Hadert zudem sichtlich mit dem schmalen Lenker und der engen Griffweite.

Ich schlage zur Abhilfe einen Bart zum Ankleben vor.

Hipsterpapa versteht nicht, runzelt die Stirn. Ich erläutere, dass Sohnemann so quadratbartlos kein stimmiges Gesamtbild ergäbe und daher unmöglich die nötige Mobilitätseleganz entwickeln könne. Hipster-Gen-Weitergeber versteht noch immer nicht, seine Mono-Braue zieht sich wie eine Raupe kurz vorm Blätter-Sprung in der Gesichtsmitte zusammen und ein Mundwinkel verzerrt sich in einem gequälten „Hä?!“. Leises Gekicher der Umstehenden schwillt an.

Ich schwinge mich auf mein eigenes Fahrrad und radle von dannen. Begleitet vom traurigen Blick des Bonsai-Hipsters auf seinem widerspenstigen Mini-Fixie. Er tut mir leid. Er kann ja nichts dafür, dass er unter schwierigen Bedingungen mit mangelnder Chancengleichheit aufwachsen muss. Ich wünsche ihm Glück und hoffe, dass er sich trotz allem durchbeißen kann und seinen Weg im Leben findet.

Es bleibt schwierig …

Der verschollene Rucksack

Schöner Türstehen (throw back). Da gestern Nacht nur durchweg verhaltensfreundliche Gäste bei uns im Club waren, die sich clever und smart durch die Partynacht bewegten, damit aber leider keinen Ansatz für eine humoristische Nachbetrachtung boten, hier nun ein Dialog-Klassiker aus der Vergangenheit: Der verschollene Rucksack.
 
„Sach ma, bist du der Türmann?“
„Jup, du vermutest richtig. Wie ich befürchte.“
„Mein Rucksack ist weg!“
„Oh, das tut mir leid.“
„Ich habe ihn bei der Garderobe abgegeben und jetzt ist er weg!“
„Du hast ihn bei der Garderobe abgegeben?“
„Ja. Und jetzt ist er nicht mehr da.“
„Du hast deine Marke vorgezeigt und die Garderobenperson konnte ihn nicht finden?“
„Welche Marke?“
„Die Garderobenmarke, die dir bei der Abgabe deines Rucksacks ausgehändigt wurde.“
„Ich habe keine Marke. Hey, mein Rucksack ist weg! Jetzt mach‘ doch mal was!“
„Du bist wirklich ganz sicher, dass du deinen Rucksack bei der Garderobe abgegeben hast?“
„Ja, doch! Ich habe ihn vorhin direkt neben dem Garderobentresen auf dem Boden abgestellt und bin auf dem oberen Floor tanzen gegangen. Und als ich jetzt wieder loswollte, war der Rucksack weg! Das geht doch nicht!“
„Äh …“
„Der stand da vorhin noch und jetzt ist der nicht mehr da. Wer ersetzt mir denn das?“
„Ich fürchte …“
„Und da war außerdem noch ne fast volle Flasche Cola-Korn-Mische drin. Die ist jetzt auch weg! Kannst du dich dazu mal äußern? Du bist doch hier für die Sicherheit und die Gäste verantwortlich!“
„Nun, genau das ist oft mein Problem …“
 
Es bleibt schwierig …
 

Saubere Sache

Schöner Türstehen an lauen Sommerabenden
Bierbrauerei-Festtage mit anschließender Aftershow auf dem Hamburger Berg bei T-Shirt-Temperaturen übersteigen definitiv das Fassungsvermögen vieler Kiez-Neulinge: Überall sind junge Feiereinsteiger beim Ritual der ruckartigen Verbeugung zu erleben, die dem schwungvollen Rückwärtstrinken vorausgeht, bei dem ein langer Partytag zur traditionellen Dokumentation auf dem Trottoir ausgebreitet wird.
 
Als Gästebetreuungsprofis mit langjähriger Erfahrung bringen die diensthabenden Türsteher nun sogleich ihre vorbereiteten Nachspülmittel-Eimer großzügig gegen die Spuren der künstlerischen Straßenpizzabäcker-Performance zum Einsatz. Wohlriechend steigen die Seifendüfte empor in die laue Abendluft. Die bunten Lichter der Bars und Clubs spiegeln sich geheimnisvoll schillernd hier und da in den Lachen und Pfützen. In die stampfende Beschallung aus den weit offenen Eingängen der Bars und Kneipen mischt sich ein fröhliches Rauschen und Plätschern ablaufenden Wassers. Ein Hauch maritimen Flairs entsteht.
 
Hier und da wird ein Gast, der sich zuvor zur regenerierenden Meditation auf dem Gehsteig niedergelassen hatte, von der reinigenden Seifenbrandung mit in den Rinnstein gespült. Von Kennern als Partymaschinen-Kurzwaschgang hoch geschätzt, ermöglicht dieser Gesamtvorgang eine vollständige Säuberung des Gästekörpers. Innerlich wie äußerlich.
 
Frisch gereinigt verharrt der Bergbesucher dann geduldig im Rinnstein, bis er nach vollständiger Durchtrocknung erfrischt am Feiergeschehen teilnehmen kann. Die Freude ist groß, die Kleidung nun unifarben.
 
Es ist ein sommerliches Wochenende auf dem Hamburger Berg. Und wieder einmal wird allen Party-Elementen – den flüssigen wie den festen – gründlich und enthusiastisch gehuldigt.
 
Eine rundum saubere Sache.

Wohlriechender Fitness-Experte

Wissensmehrung dank Krafttraining. Seit rund fünf Minuten steht der junge Mann mit dem beeindruckend niedrigstelligen Body Mass Index vor einer der großflächigen Spiegelwände der Männer-Umkleide und besprüht seinen vom Work out noch aufgepumpten Glattkörper ausführlich mit raumfüllendem Deo-Duft.

Konzentriert schürzt er die Lippen, eine jähe Falte zwischen den akribisch gezupften Augenbrauen kündet von der Entdeckung kleinster Asymmetrien im Gesamtkörperbild. Sorgsam spannt er jede Muskelpartie an, die aktuell im Fokus des Sprühnebels steht.

Dann scheint die Prozedur beendet.

Er schnappt sich sein Smartphone, das mit seinem Dreibeinstativ auf einem kleinen Regal nahebei stand, und schaltet die Videofunktion ab. An seinen Trainingspartner, der gerade aus dem Duschraum zurückkehrt, gerichtet, verkündet er stolz: „Ey, Digga, jetzt hab isch endlich auch die letzte Sequenz vom After Work Out-Tutorial fertisch. Noch schneiden, dann kann das hoch zu YouTube, das Ding.“

Sie ist fleißig, die Fitness-Jugend. Das muss man ihr lassen. Immer nah dran am Puls der Zeit und ganz uneitel in der Weitergabe ihrer Erkenntnisse. Das finde ich löblich – es nimmt mir die Sorge um die Zukunft unseres schönen Kraftsports.